Full text: Anschaulich-ausführliches Realienbuch.

— 202 — 
Kornfelde versteckt, reibt er mit den Vorderpfoten die Ähren, steckt die Körner in 
seine Backentaschen und eilt damit in seine Vorratskammer. 
53. Der Lein oder Flachs. 
1. Aussaat. Ende April sät der Landmann den Leinsamen auf seinen Acker. 
Er streut ihn recht dick aus; eine alte Bauernregel sagt ihm nämlich: „Lein sär' 
dick!“ und dieser Spruch hat recht. Denn erstens müssen die jungen Leinpflanzen 
recht viel Feuchtigkeit haben und können daher die Sonnenstrahlen nicht gut ver- 
tragen; stehen sie nun sehr dicht, so lassen sie die Sonnenstrahlen nicht bis auf 
den Boden gelangen. Zweitens aber bleiben die Stengel dicht stehender Lein- 
pflanzen dünner als die Stengel derjenigen, welche weniger dicht stehen. (Warum?) 
Je dünner aber der Stengel ist, je biegsamer und feiner ist der Bast. — Bald 
nach dem Aufgehen der Saat stellt sich aber auch das Unkraut ein. Dieses hindert 
das Wachstum der jungen Leinpflänzchen, weshalb die Flachsfelder aufs sorgsamste 
gejätet werden müssen. 
2. Stengel. Blüte und Frucht. Das Leinpflänzchen hat besonders durch den 
Stengel seine Bedeutung erlangt. Schlank und glatt schießt er empor, ohne Kanten, 
ohne verdickte Knoten. In seinem Innern bildet sich ein holziger Körper; dieser 
ist ringsum von feinen Bastfasern (2—4 cm langen Zellen) umgeben, die eine 
bedeutende Zähigkeit besitzen. (Der Bast mancher Pflanzen übertrifft das Schmiede- 
eisen an Tragvermögen. Während ein Eisendraht von Bindfadendicke eine Last von 
21,9 kg tragen kann, trägt ein ebenso dicker Streifen des Pfeifengrases sogar 22 kg.) 
In der himmelblauen Blüte und der Fruchtkapsel tritt uns überall die Fünfzahl ent- 
gegen. (Jnwiefern?) Als der beste Leinsamen gilt der von Riga. Aus dem Samen 
wird das Leinöl gepreßt. Es dient zur Malerei (Firnis), als Heilmittel u. s. w. 
Die Rückstände beim Olschlagen sind als Leinkuchen ein gutes Viehfutter. 
3. Verarbeitung. Ende Juli ist der Lein soweit gediehen, daß er ausgerauft 
werden kann. Um die Samenkapsel von dem Stengel zu trennen, zieht man 
den Flachs zunächst durch einen eisernen Kamm: man riffelt den Flachs. Nun 
geht es an die weitere Verarbei ung. Damit man die Bastfasern bequem und 
rein von den sie umgebenden Stengelteilen, als Gummi= und Harzstoffen, Holz 
und Rinde, lösen kann, müssen diese vorerst zerstört werden. Das geschieht 
durch das sogenannte Rotten oder Rösten. Man unterscheidet die Wasserröste und 
die Tauröste. Will man die Wasserröste anwenden, so legt man die Leinpflanzen in 
losen Bündeln ins Wasser und läßt sie dort 5—10 Tage liegen. Ist das Wetter 
warm, so verbreiten sie dann bald einen häßlichen Geruch. Dieser kommt von 
der Fäulnis, in die einige Pflanzenteile übergehen. Sobald die holzigen Teile zer- 
stört und mürbe geworden sind, breitet man den Flachs im Freien aus, um ihn so 
in der Sonne zu trocknen. In Gegenden, wo es an Wasser fehlt, wendet man die 
Tauröste an. Dabei breitet man die Stengel in dünnen Schichten auf Rasen oder 
einem Stoppelfelde aus. In Zeit von 4—8 Wochen gehen durch Einwirkungen 
von Tau und Regen die Holz= und Rindenteilchen ebenfalls in Fäulnis über. 
Hierauf muß der Flachs in der Sonne ordentlich austrocknen. Zuweilen wird er 
auch in besondern Darröfen gedarrt. Dann wird er auf der Flachsbreche gebrochen, 
wobei die spröden Holz= und Rindenteilchen als Scheben oder Anchen zur Erde fallen. 
Das Schwingen und Hecheln endlich befreit die Stengel völlig von den höl- 
zernen Teilen und dem Gummiharze, legt sie glatt und sondert die feinern Fasern 
von den groben und verworrenen. Die verworrenen Fäden bilden den Werg oder 
die Hede. Sie wird zu Seilerwaren, Sack= und Packleinwand verarbeitet. Die 
feinern Fasern spinnt man zu Fäden zusammen. In neurer Zeit ist an die Stelle 
des Handspinnens der Maschinenbetrieb getreten. Die Webmaschine liefert endlich