Full text: Anschaulich-ausführliches Realienbuch.

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1809 Berlin, um gegen die Franzosen zu kämpfen. Schließlich aber wurde er in 
Stralsund von den Franzosen eingeschlossen und fiel mit den meisten seiner Waffen- 
brüder unter den Säbeln — deutscher Rheinbundstruppen. — Ebenso unternahm 
Friedrich Wilhelm von Braunschweig, „der schwarze Herzog,“ einen kühnen Zug mit 
seiner „schwarzen Schar“ mitten durch das von den Feinden besetzte deutsche Land. 
4. Tod der Königin. Die Königin Luise, die den Tag der Befreiung so sehr 
ersehnte, sollte ihn nicht erleben. Der Gram über das Unglück ihres Landes nagte 
ihr am Herzen. Nur noch einmal fühlte sie sich recht beglückt, als sie kurz vor Weih- 
nachten 1809 an der Seite ihres Gemahls in das geliebte Berlin einziehen konnte. 
Im Sommer 1810 reiste sie zu ihrem Vater nach Strelitz und bezog das Lustschloß 
Hohen-Zieritz. Dort wurde sie bald sehr krank; ein heftiges Brustleiden stellte sich ein. 
Wenige Stunden vor ihrem Tode erschien der König mit dem Kronprinzen und dem 
Prinzen Wilhelm. Das war ihre letzte Freude. „Ach, lieber Fritz, lieber Wilhelm, 
seid ihr da?" rief sie und umarmte sie herzlich. Der König ging weinend hinaus. 
„Ach,“ rief er aus, „wenn sie nicht mein wäre, würde sie leben; aber da sie meine 
Frau ist, stirbt sie gewiß.“ Bald darauf schloß sie ihre Augen für immer. Das war 
für den schon so tief gedemütigten König der härteste Schlag! „Meine Zeit in Unruhe, 
meine Hoffnung in Gott!“ war fortan sein Wahlspruch. 
Prinz Wilhelm, der nachmalige Kaiser Wilhelm I., küßte noch die bleichen Lippen 
seiner Mutter und ging dann weinend in den Garten. Hier pflückte er Eichenblätter und 
Rosen und wand einen Kranz daraus. Diesen legte er auf das Sterbebett seiner Mutter. 
Der Kranz ist nachher unter Glas und Rahmen gebracht und hängt noch heute an der 
Wand des Sterbezimmers im Schlosse Hohen-Zieritz. 
In Charlottenburg wurde der Königin eine prachtvolle Ruhestätte, ein Mau- 
soleum, hergerichtet. 
t. Die Befreiungskriege. 1813 und 1815. 
1. Napoleons Zug nach Rußland. Im Jahre 1812 zog Napoleon mit mehr 
als einer halben Million Krieger nach Rußland, um auch dieses gewaltige Reich nieder- 
zuwerfen. Nachdem er zweimal die Russen besiegt hatte, zog er in Moskau ein. Aber 
bald brach an allen Enden und Ecken Feuer aus, und Napoleon mußte mit seiner 
ganzen Armee die Stadt verlassen und den Rückzug antreten. Anfangs war die 
Witterung milde, im Dezember aber trat ein sehr kalter Winter ein, und hoher Schnee 
bedeckte Weg und Steg. Die Soldaten hatten bald kein Brot mehr und verzehrten die 
gefallenen Pferde mit Heißhunger. Ihre Schuhe und Stiefel waren zerrissen, die 
Füße wurden mit Lumpen umwickelt, viele hinkten oder gingen auf Krücken. Ganze 
Haufen lagen am Morgen tot um die erloschenen Wachtfeuer. Tag und Nacht um- 
schwärmten Kosaken die Fliehenden, und Tausende fielen in ihre Hände. Das Schrecklichste 
auf dem Rückzuge aber war der Ubergang über die Beresina. Unter der Last der 
Kanonen, Reiter und Soldaten brach die eiligst hergestellte Schiffbrücke, und Tausende 
fanden in den Fluten ihren Tod. — Von der großen Armee erreichten nur etwa 
30 000 Mann die polnische Grenze. 
2. Erhebung. Jetztschien die Zeit gekommen, das Joch Frankreichs abzuschütteln; 
das fühlte jeder. Der General York, der mit 20 000 Preußen den Zug nach Rußland 
mitmachen mußte, sagte sich auf eigene Faust von den Franzosen los und schloß mit den 
Russen einen Vertrag. Auch der König faßte Mut und erklärte, nachdem er sich mit 
Rußland verbündet hatte, an Frankreich den Krieg. Am 3. Febr. 1813 erließ er von 
Breslau aus den Aufruf: „An mein Volk!“ und von allen Seiten strömte alt und 
jung, reich und arn herbei, das Vaterland zu retten oder mit Ehren unterzugehen. 
Die Studenten verließen die Lehrsäle, die Gesellen die Werkstätten. Ein Bauer brachte 
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