Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

38  Vorgeschichte  der  Akademie.

schonte  ihrer  Eigenschaften  im  vertrauten  Gespräche  mit  nichten
Anmaassung,  namentlich  ungesehickte,  wies  sie  mit  Kälte  von  sich,
verlegene  Bescheidenheit  zog  sie  eher  hervor.  Sie  war  stolz  und
voll  Anmuth!.«  \Vie  sie  am  Hofe  und  in  den  höheren  Kreisen  die
feinere  Bildung  und  den  Sinn  für  Wissenschaft  und  Kunst  eingebürgert

  hat  —  der  Hof  theilt  seine  Zeit  zwischen  Studien  und  Ergötzungen,
  schreibt  Torax»  —  und  deshalb  der  dauernden  Verehrung

  würdig  ist,  so  verehrt  sie  vor  allem  die  Preussische  Akademie
  der  Wissenschaften  als  ihre  Stifterin  und  Patronin,  ohne  die
sie  nicht  in’s  Leben  getreten  wäre”.

Diese  Fürstin  zog  im  Jahre  1684  in  Berlin  ein.  Die  Ehe,  von
Friepricn's  Seite  aus  Neigung  geschlossen,  war  doch  auch  ein  Werk
der  welfischen  Politik.  Hannover  trachtete  damals  nach  dem  Kurhut
  und  musste  das  Wohlwollen  des  mächtigeren  Nachbarstaats  wünschen.
  Die  welfische  Politik  Brandenburg  gegenüber,  die  nun  begann,
  lenkte  auch  Leisniz’,  des  Staatsmanns,  Aufmerksamkeit  auf
dieses  Land.  Bisher  war  er  nicht  nur  achtlos,  sondern  misstrauisch
an  Brandenburg  mit  seinen  Plänen  vorübergegangen.  An  den  Kaiser,
den  Kurfürsten  von  Mainz,  das  Haus  Hannover  hatte  er  gedacht;
Brandenburg-Preussen  schien  ihm  nur  ein  halbdeutscher  Staat,  seine
Politik  nicht  vertrauenerweckend,  der  Bildungsstand  des  Landes  gering.
  Dieses  Urtheil  scheint  sich  in  den  ersten  zehn  Jahren  nach
der  Übersiedelung  der  Prinzessin  nur  langsam  geändert  zu  haben.

I!  Ranke,  Zwölf  Bücher  Preussischer  Geschichte  (Sämntliche  Werke,  26.  Bd.
1874  9.459  f.).
®  Frirpricu  1.  hat  in  dem  Memoire  über  Frieprıcn  ]..  das  er  iu  der  Akademie
  hat  vortragen  lassen,  seine  Grossmutter  also  charakterisirt  (Mem.  de  1’Acad.
1748  8.382):  »Cetait  une  Princesse  d’un  ımerite  distingue,  qui  joignait  tous  les
appas  de  son  sexe  aux  gräces  de  l’esprit  et  aux  lumieres  de  la  raison.  Elle  avait
voyage  dans  sa  jeunesse  en  Italie  et  en  France,  sous  la  conduite  de  ses  parents.  On
la  destinait  pour  le  tröne  de  France;  Lovis  XIV  fit  touche  de  sa  beaute.  mais  des
raisons  de  politique  firent  echoner  ce  mariage.  Cette  Princesse  amena  en  Prusse
l'’esprit  de  la  societe,  la  vraie  politesse,  et  l’amour  des  arts  et  des  sciences.  Elle
fonda  T’Academie  Royale.  Elle  appela  Leisxtrz  et  beaucoup  d’autres  savants  a  sa
cour:  sa  curiositC  voulait  saisir  les  premiers  prineipes  des  choses.  Leisyırz  qu’elle
pressait  un  jonr  sur  ce  sujet,  lu  dit:  »Madame.  il  n’y  a  pas  moyen  de  vous  contenter;
  vous  voulez  savoir  le  pourqnoi  du  pourquoi«.  Charlottenburg  etait  le  rendezvons
  des  gens  de  got:  toutes  sortes  de  divertissements  et  de  fetes  varices  A  l’infini
rendaient  ce  scjour  delicieux  et  cette  cour  brillante.  Sorkiz  CuArLorre  avait  l’äme
forte,  sa  religion  Ctait  epurce,  son  humeur  douce.  son  esprit  orne  de  la  lecture  de
tous  les  bons  livres  francais  et  italiens.«  —  Aın  Ende  des  18.  Jahrhunderts  hat  Erna
in  der  \kademie  eine  Reihe  von  Abhandlungen  über  diese  Fürstin  gelesen  (die  erste
am  30.  September  1790),  die  dann  (1801)  als  »Mem.  pour  servir  a  l’hist.  de  Sornie
ÜnArRLorTE«  erschienen  sind.