Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

grunde  der  kolonialen  Streitigkeiten  mit  England  in  Afrika  lauerte
schon  die  Schmach  von  Faschoda.

Das  Wichtigste  war  aber,  daß  das  Kabinett  Salis—
bury  vor  aller  Welt  deutliche  Zeichen  seines  Wunsches  gab,  durch
einen  engeren  Anschluß  an  das  Deutsche  Reich  und  den  Dreibund
  die  weltpolitischen  Schwierigkeiten  für  ein  isoliertes  Großbritannien
  zu  überwinden.  Im  Frühjahr  1898  hatte  das
Kabinett  heftige  Angriffe  der  liberalen  Opposition  wegen  der
veränderten  Lage  im  fernen  Osten  in  beiden  Häusern  des  eng—
lischen  Parlaments  abzuwehren.  Grey  sprach  im  Unterhause
von  einer  widersinnigen  Politik  der  Regierung,  die  das  eng—
lische  Prestige  schwer  geschädigt  habe.  Weihaiwei  habe  das  Gleich—
gewicht  in  der  Machtverteilung  nicht  wiederhergestellt.  Harcourt
tadelte  besonders  die  unnötige  Freundlichkeit  gegenüber  Deutsch—
land,  die  in  der  freiwilligen  Erklärung  gelegen  habe,  die  englische
Regierung  werde  Deutschland  in  Schantung  keine  Schwierigkeiten
bereiten  und  keine  Eisenbahnen  von  Weihaiwei  aus  nach  dem
Innern  der  Provinz  anlegen.  Die  Angriffe  verschärften  sich  noch
nach  der  berühmten  Birminghamer  Rede,  in  der  Chamberlain
für  ein  angelsächsisches  Bündnis  mit  den  Vereinigten  Staaten  eintrat,
  aber  gleichzeitig  auch  gegen  Rußland  das  Sprichwort  anwandte:
  „Wer  mit  dem  Teufel  suppen  will,  der  braucht  'nen  langen
Löffelstiel“,  und  ein  Bündnis  mit  einer  europäischen  Militärmacht
nicht  ablehnte.  Harcourt  nannte  das  die  große  Sturmglocke  läuten,
und  Asquith  warnte  vor  einer  Allianz  mit  Deutschland,  weil  sie
England  in  Gegensatz  mit  Mächten  bringen  würde,  deren  Freundschaft
  ein  legitimer  Bestandteil  der  britischen  Politik  wäre.  Chamberlain
  stellte  darauf  zwar  ein  Ausschauen  nach  Bündnissen  aus
Schwäche  in  Abrede,  berief  sich  aber  zugleich  auf  die  Verdienste  des
Dreibundes  um  die  Erhaltung  des  Weltfriedens  und  wiederholte
offen,  daß  er  bessere  Beziehungen  zu  Deutschland  wünsche.  Das
war  schon  recht  viel  für  den  Anfang  einer  englisch-deutschen  Annäherung.


Wer  konnte  damals  ahnen,  daß  die  Geschicke  Europas  an
einem  Wendepunkt  von  größter  weltgeschichtlicher  Bedeutung  angelangt
  waren?  Die  Augen  des  großen  Sehers  im  Sachsenwalde
waren  unter  dem  bitteren  Erleben  der  acht  Jahre  nach  der  Ent-16