Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

Der  Berliner  Kongreß  sah  den  Fürsten  Bismarck  auf  der
Höhe  seiner  diplomatischen  Kunst.  Aber  trotz  aller  ehrlichen  Maklerschaft
  verließ  Fürst  Gortschakoff  den  Kongreß  mit  ungestilltem
Ehrgeiz.  Bald  darauf  erscholl  zum  erstenmal  aus  der  panslawistischen
  Presse  der  Ruf:  „Konstantinopel  muß  in  Berlin
erobert  werden“,  der  später  in  wenig  veränderter  Fassung  aus
dem  Munde  Skobeleffs  zum  geflügelten  Wort  wurde.  Fürst
Bismarck  hatte  gesagt,  im  Reichstag  am  5.  Dezember  1876:
„Niemand  als  die  kaiserlich-russische  Regierung  selbst  wäre  imstande,
  in  die  erprobte  hundertjährige  Freundschaft  zwischen  ihr
und  der  preußischen  Regierung  einen  Riß  zu  machen“,  und  zu
Gortschakoff  in  Berlin  1878  während  des  Kongresses:  „Zwingen
Sie  mich  nicht,  zwischen  Rußland  und  Österreich-Ungarn  zu
wählen.“  Der  Inhalt  der  Warnung  wurde  schon  1879  zur  Tatsache.
  Die  Umstände,  unter  denen  sich  Bismarck  zum  schleunigen
Abschlusse  des  Bündnisses  mit  Osterreich-Ungarn  gedrängt  sah,
sind  noch  nicht  in  allen  Einzelheiten  aufgeklärt.  Ganz  klar  wird
man  erst  sehen,  wenn  veraltete  Rücksichten  fallen  und  die  Akten
des  Auswärtigen  Amtes  den  Geschichtschreibern  zur  vollständigen
  Einsicht  geöffnet  werden.  Jedenfalls  waren  es  nicht
die  wütenden  Ausfälle  der  russischen  Presse  gegen  Deutschland  nach
dem  Einrücken  Osterreich-Ungarns  in  das  Limgebiet  (Novibazar),
auch  nicht  bloß  der  Drohbrief  des  Zaren  Alexander  II.  an  seinen
kaiserlichen  Oheim,  sondern  auch  geheime,  auf  ein  offensives  Vorgehen
  gerichtete  Besprechungen  zwischen  Petersburg  und  Paris,
die  im  Hochsommer  1879  den  Fürsten  Bismarck  bestimmten,  während
  seiner  Gasteiner  Kur  und  in  Wien  zusammen  mit  dem  Grafen
Andrassy  das  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  OÖsterreich-Ungarn
ins  Werk  zu  setzen.  Schon  im  Juni  1879  hatte  Fürst  Gortschakoff
in  Baden--Baden  einem  vom  Herzog  von  Decazes  empfohlenen  Vertreter
  des  Pariser  „Soleil“  erklärt,  er  habe  sich  die  Feindschaft
Bismarcks  zugezogen,  weil  er  offen  die  Ansicht  vertrete,  daß  Frankreich
  sich  stark  machen  und  wieder  die  ihm  gebührende  Stellung
unter  den  europäischen  Mächten  einnehmen  müsses).

*)  Ein  Jahr  darauf  erregte  eine  Wahlrede  des  früheren  württembergischen
  Staatsministers  Frhrn.  v.  Varnbüler  großes  Aufsehen.  Darin
hieß  es  nach  Erwähnung  der  russischen  Truppenanhäufung  in  Polen

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