Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Erklärung  des  Königs  im  Kronrat.  217

tokoll  mitteilt.  Was  aber  sagte  der  König  hier?  Ich  muß  wörtlich  mitteilen,
was  uns  Sybell  darüber  berichtet:

„I.  Vor  allen  Dingen  sei  zu  streben,  durch  Beratung  mit  den  deutschen
Fürsten,  einschließlich  Osterreichs,  der  Neugestaltung  Deutschlands  eine
sichere  Grundlage  zu  geben,  dabei  zu  dem  von  ihm  beabsichtigten  deutschen
Bundesstaat  die  Zustimmung  Hsterreichs,  obgleich  dasselbe  daran  nicht
teilnehmen  könne,  zu  erlangen,  und  dessen  Verhältnis  zu  dem  das  ganze
bisherige  Bundesgebiet  umfassenden  Staatenbunde  festzustellen.

2.  Die  Bildung  des  deutschen  Bundesstaates,  wie  sie  in  Frankfurt  auf—
gefaßt  ist,  kann  nicht  gelingen,  wenn  sich  ihr  die  deutschen  Könige  ent—
ziehen.  Sollten  sich  nur  die  Kleinstaaten  dazu  entschließen,  so  würde  ein
solcher  Verein  nicht  als  der  angestrebte  Bundesstaat  betrachtet  und  organisiert
werden  können.

3.  Dann  gestaltete  sich  das  Verhältnis  der  Kleinstaaten  zu  Preußen  wesentlich
  als  ein  Schutzverhältnis,  und  es  würde  die  von  Camphausen  zu  Frank—-furt
  in  diesem  Sinne  eingeleitete  Unterhandlung  mit  Nachdruck  zu  Ende  zu
führen  sein.

4.  Die  Annahme  des  Kaisertitels  halte  ich  unter  allen  Umständen  für  unangemessen.“


Also  auch  nach  der  Ansicht  des  Königs  war  das  Zustandekommen  des
engeren  Bundes,  natürlich  mit  Preußen  als  Oberhaupt,  auch  nach  Erteilung
  seiner  Antwort  noch  denkbar,  falls  die  Zustimmung  aller  Fürsten
erfolge,  Osterreich  definitiv  ausscheide  und  freiwillig  die  Bildung  eines
solchen  Bundesstaates  zugestehe.?  Dies  waren  die  Bedingungen,  bei  deren
Erfüllung  seine  aufschiebende  Antwort  zu  einer  Jusage  werden  sollte.

bindurchscheine,  wie  sein  Brief  an  Bunsen  vom  7.  April  (Ranke  a.  a.  O.  s18  f.)  zeigt.
Nur  weil  er  dieser  Ansicht  war,  konnte  er  der  Fassung  der  Minister  schließlich  zustimmen.
  Merkwürdigerweise  sah  auch  L.  v.  Gerlach  (2,  45),  der  sonst  so  scharfsichtig  in
Prinzipienfragen  war,  in  der  Antwort  einen  Sieg  der  Absichten  des  Königs  und  der
Kamarilla.  Auch  dies  wird  nur  verständlich,  wenn  man  erwägt,  daß  die  Minister  auf
bedingte  Annahme  der  Oberhauptswürde  gedrungen  haben,  und  daher  eine  Fassung,  die
dies  wenigstens  vermied,  von  den  Gegnern  als  Sieg  empfunden  werden  konnte.  Hingegen
  bedauerte  König  Friedrich  August  von  Sachsen  (12.  April  s.  oben  S.  200  Anm.  1),  daß
die  Antwort  nicht  „entschiedener  gegen  das  Prinzip  gerichtet“  gewesen  sei.  Allerdings  hatte
auch  er  den  dem  Könige  „eigenen  Kern  aus  der  ministeriellen  Hülle  heranserkannt“.

1  1,  307.  Die  Wiedergabe  scheint  nicht  überall  wortgetreu  zu  sein,  sondern,  wie  bei  Sybel
häufig,  eine  Mischung  von  Auszug  und  Zitat,  ohne  daß  man  genau  erkennen  kann,  wo  das
eine  aufhört  und  das  andere  anfängt.

:*  In  diesem  Sinne  fasse  ich  auch  seine  Worte  in  einem  aus  diesen  Tagen  stammenden  Briefe
an  den  König  von  Sachsen  auf,  die  dieser  in  seiner  Antwort  (s.  oben  S.  200  Anm.  7)  zitiert:
„daß  die  Möglichkeit  eintreten  könne,  wo  er  sich  gezwungen  sehen  werde,  die  Erblichkeit  anzunehmen“.
  Es  ist  hier  weniger  ein  äußerer  Zwang  gemeint,  als  die  durch  Österreichs  frei-