26 Zweites Kapitel.
scheinbare kleine Buch — J. A. C. Löhrs Kleine Plaudereien für Kinder,
welche sich im Lesen üben wollen — aus dem der glorreiche iederhersteller
des Deutschen Reiches einst lesen lernte. Es ist die Geschichte
„Frau Mildheim“ in diesem Büchlein, die Drinz Wilhelm am 10. Oktober
1805 ohne vorhergebende Einübung fließend seinem Lehrer vorlas.
Delbrück hatte eine Empfindung dafür, daß schwieriger als das
Unterrichten das Erzieben ist, aber auch dankbarer. Sein ganzes Streben
ging darauf, bei seinen erlauchten Söglingen die Bildung von Geist und
Tharakter harmonisch zu gestalten und über alles wahre Frömmigkeit in
die jungen Berzen zu pflanzen. Aber die wirksamsten Erzieher der jungen
Orinzen waren und blieben die königlichen Eltern. Sie blieben nach wie
vor im herzlichsten Derkehr mit den Hrinzen und nahmen an allem Thun
derselben den regsten Anteil. Der König fragte sehr häufig nach den
Fortschritten der Studien. Dann zog er wohl, wenn er besonders Gutes
Börte, kleine Geschenke aus der Tasche, den Fleiß zu belohnen. Oflichttreue
in den Hrinzen zu erwecken und Bescheidenbeit in ihnen zu pflegen,
war hauptsächlich sein Absehen. „Ihr wollt immer hoch hinaus“, sagte
er einmal, „bedenkt aber nicht, wie es mir in eurem Alter erging. Da
erhielt ich zu meinem Geburtstage ein Resedatöpfchen, sechs Dreier
(15 Pf.) an Wert; und wollte mein Hofmeister mir mal was zu gute thun,
dann führte er mich nach einem öffentlichen Garten und ließ mir da für
einen und wenn's hoch kam, für zwei Groschen Kirschen geben.“
Und die Königin! Noch als Kronprinzessin, ja selbst auf dem Throne
war sie bestrebt gewesen, die Mängel ihrer französischen Erziehung durch
ernste Studien, namentlich der Geschichte, auszugleichen. Raschen Geistes,
reger Einbildungskraft, urteilte sie stets nach hohen Gesichtspunkten. Doll
starken Mutes, frohen Sinnes erhob sie sich durch ihre idealistische
Lebensauffassung über die Tiedrigkeit der Alltäglichkeiten.
So senkten durch Dorbild und Lehre sich zarte Keime in die Seele
des jungen Hrinzen Wilbelm, die allmählich sich — wer möchte es verkennend
— zu den Grundfäden seines Tharakters verdichtet haben.
Aber freilich den Einschlag dazu liefern erst die persönlichen Erlebnisse.
Uoch über den Knaben kam die Hrüfung. Mit düsterem Schatten
löscht jäh ein unheildrohendes Gewölk den goldenen Sonnenschein der
Kindheit aus.