Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 7. —8.) 37
fordere, für die Fachbildung der Arbeiter sorgen. Das Koalitionsrecht
dürfe in keiner Weise geschmälert werden; um es auszuüben, müsse man
der gesetzlichen Organisation zustimmen. Die Sozialdemokratie bedürfe einer
solchen zu ihrer Organisation nicht, sie sei bereits organisiert, besser als
jede andere Partei. Die Berufsvereine würden, wenn gesetzlich organisiert,
sich ihrer Verantwortung bewußt sein und nicht in das reinsozialdemokra-
tische Fahrwasser hineintreiben. Die Mitglieder der Gewerkschaften seien
durchaus nicht alle Sozialdemokraten, sondern wollten nur die Verbesserung
der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter auch in dem jetzigen Staat herbei-
führen. Natürlich sei die politische Partei unter Bebel hiermit nicht ein-
verstanden. Der Redner wendet sich gegen Herrn v. Stumm; dessen Ver-
fahren, Sozialdemokraten von seinen Werken auszuschließen, seinen Leuten
das Lesen bestimmter Zeitungen zu verbieten, ihnen das Heiraten zu unter-
sagen, sei ganz unvereinbar mit den Aeußerungen des Kaisers. Abg.
v. Stumm (D. R.P.): Der kaiserliche Erlaß sei in der Hauptsache erfüllt.
Er bezweifle nicht, daß die Interpellanten Staat und Gesellschaft schügzen
wollten, ihr Weg sei aber falsch; ein Sozialistengesetz werde besser wirken.
Ueber seine persönliche Stellung sagt der Redner: „Man wirft mir Despo-
timus vor. Ich verweise nur darauf, daß ich schon 1869, als man hier
Sozialdemokraten noch gar nicht hatte, Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen
anregte, wie Krankenkassen u. s. w. Jetzt haben wir Krankenkassen und
Alters= und Invaliditätsversicherungsgesetze. Ich bin auch nicht gegen eine
Organisation der Arbeiter in Berufsvereinen, sondern wünsche sie sogar.
Die Mehrzahl der industriellen Arbeitgeber sucht ein gutes Verhältnis mit
den Arbeitern herbeizuführen. Man will diese Bestrebungen stören, indem
man sie als patriarchalisch verächtlich machen will. Das patriarchalische
Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat noch selten schlechte
Erfolge gezeitigt. Von Arbeitgebern, die wie Herr Rösicke ihre Standes-
pflicht verletzen, rede ich überhaupt nicht. (Große Heiterkeit.) Unsere Gegner
lassen sich unterscheiden in die Kathedersozialisten, in die Anarchisten, die
ihre Ziele mit Schrecken, und die Sozialdemokraten, die sie mit Gewalt er-
reichen möchten. Wenn ich auf die Strömungen acht gebe, erfülle ich nur
meine Pflicht als Volksvertreter, und ich habe mich deshalb auch über die
Kathedersozialisten beschweren zu müssen geglaubt. Ich glaube, ich habe
das noch viel zu zaghaft gethan. (Heiterkeit.) Herr Naumann erklärt, er
sei ein Bruder der Sozialdemokratie. Nun, diese ist ein Bruder der
Anarchie. Wenn zwei Größen aber einer dritten gleich sind, sind sie unter-
einander gleich. (Große Heiterkeit.) Wenn sie gestatten, daß Gegenüber-
stellungen der Vorteile von Republik und Monarchie unter die Arbeiter
getragen werden, so hört jeder Begriff von Königstreue auf. (Heiterkeit.)
Die Schriften der Herren Naumann und Genossen zeigen deutlich, wohin
ihre Bestrebungen steuern, und das ist nicht die Stärkung von Staat und
Gesellschaft.“ („Köln. Ztg.“)
Am folgenden Tage verteidigt Abg. Hüpeden (kons.) die christlichen
Arbeitervereine, insbesondere den Pfarrer Naumann gegen die Angriffe
Stumms, Abg. Legien (Soz.) erklärt die Koalikonsfreiheit der Arbeiter
für wichtiger als die ganze übrige sozialpolitische Gesetzgebung.
7.—8. Februar. (Preuß. Abgeordnetenhaus.) Eisen-
bahnetat. Tarifdebatte. (Vgl. 1894 S. 102.)
Eisenbahnminister Thielen bezeichnet die finanzielle Lage der Eisen-
bahnverwaltung als durchaus gesund. Die Betriebseinnahme ist veranschlagt
auf 944 600 000 M gegen den Etat von 1894/95 mehr 32 Millionen, gegen
die Wirklichkeit von 1893/94 mehr 33 Millionen. Als Gesamtbetriebsaus-