Das Aufgebot der Volksheere. Der Fall von Metz. Paris und die Entsatzversuche. 643
sprechenden Fuhrpark für Munition und andere Bedürfnisse nicht aktionsfähig
war, in Ausfallskämpfen sich durchzuschlagen. Sein Wunsch, die Armce für
Frankreich zu retten, gab schließlich die Veranlassung zu etwas abentenerlichen
Unterhandlungen, die den Zweck verfolgten, vermittels dieser Armee das Kaiser-
tum unter der Regentschaft der Kaiserin Eugenie wiederherzustellen und dann
auf die von Deutschland gestellten Bedingungen Frieden zu schließen. Aber die
Kaiserin erklärte von London aus, sie könne nicht in die Verstümmelung Frank-
reichs willigen, und damit war das Schicksal von Metz entschieden. Am 27. Ok-
tober entschloß sich Bazaine zur Kapitulation. Eine Armee von 180 000 Mann
geriet dadurch in die Kriegsgefangenschaft. Prinz Friedrich Karl, der kühn
vorwärtsdrängende Schlachtensieger, hatte nur mit schwerer Selbstüberwindung
die Leitung dieser Belagerung übernommen, die große Wachsamkeit erforderte
und wenig Gelegenheit zur Erriugung kriegerischer Lorbeeren gab. Aber der
glorreiche Erfolg lohnte die Beharrlichkeit in der Erfüllung dieser überaus
mühseligen Aufgabe, bei der Krankheiten mehr Schaden brachten, als Gefechts-
verluste; die Feldmarschallwürde, die dem Führer zuteil wurde, bedeutete zugleich
eine Anerkennung für die Leistungen der ihm unterstellten Truppen. Auch der
Kronprinz von Preußen hat damals den Feldmarschallstab erhalten, während
Moltke in den Grafenstand erhoben wurde.
Die Regierung der nationalen Verteidigung war auch jetzt noch weit ent-
fernt, den Frieden zu suchen; Gambetta proklamierte vielmehr den Krieg bis
aufs Messer. Aber man wollte gern einen Waffenstillstand haben, um die
Organisation des Widerstandes ungestört bewerkstelligen zu können. Thiers
ging zu diesem Zweck am 31. Oktober in das deutsche Hauptquartier nach
Versailles. Bismarck verlangte ein paar von den Pariser Forts, und man
war nahe daran, sich zu einigen; da kam es zu einem jähen Abbruch der
Verhandlungen: in Paris war ein Aufstand ausgebrochen, der die Existenz
der Regierung in Frage stellte. Es war die erste Regung der Kommune, die
später, nach der Einnahme der Hauptstadt, zu langdauernder blutiger Pöbel-
herrschaft geführt hat. Damals ist sie schnell unterdrückt worden; ebenso auch,
als sie zum zweiten Male aufzuckte, gegen Ende der Belagerung, am 22. Januar;
die Hoffnung Bismarcks, daß ein innerer Zwist unter den Franzosen eine Be-
schlennigung des Friedens herbeiführen werde, hat sich nicht erfüllt.
Nachdem Metz gefallen war, wurde die Belagerungsarmee wieder geteilt;
Prinz Friedrich Karl mit dem Hauptteil seiner alten II. Armee rückte nun
gegen die französische Loirearmee vor, die unter der Führung des Generals
Aurelle de Paladines stand und von der Regierung in Tours zum Vormarsch auf
Paris gedrängt wurde. Infolge der Weisungen aus Tours gingen die Franzosen
angriffsweise gegen Beaune-la-Rolande vor, wurden aber am 28. November
trotz ihrer fünffachen Überzahl zurückgeschlagen. Die Hauptarbeit leistete dabei
das X. Korps, dem diesmal das III. — gleichsam wie zur Vergeltung für
Vionville — zu Hilfe gekommen ist. Es war für die Deutschen die erste größere
Verteidigungsschlacht dieses Krieges, zugleich der erste große Zusammenstoß mit
einem der neuen Volksheere. Bei Loigny-Poupry wurden dann am 2. De-
zember die wieder an Zahl weit überlegenen französischen Streitkräfte abermals
geschlagen und von Paris abgedrängt. Es war ein entscheidender Moment,
einer der wichtigsten des Krieges. Kurz vorher hatte die in Paris gebildete
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