Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

4 Georg v. Below, Deutschkonservative und Reichspartei. 
rechtlichen Haltung zu stehen schien, die die Regierung im Verein mit ihnen in der Konfliktszeit 
eingenommen hatte. Es kam jetzt auch zu einer Abspaltung von der Partei: in der ersten Session 
des am 3. Juli 1866 gewählten Landtags trennte sich von der konservativen Fraktion eine Gruppe 
von Abgeordneten, um die freikonservative Fraktion zu bilden (die übrigens auch mancherlei 
Zuzug von den Liberalen erhielt)". Das Hauptmotiv der Bildung der freikonservativen Partei 
ist in der damaligen offiziellen Erklärung ausgesprochen, „dass auch die konservative Partei 
im Lande sich auf den Boden der Verfassung stellen müsse, deren Bestand bei weiterer Fortdauer 
des Konflikts, mochte dieser auch wesentlich durch die Schuld der Fortschrittspartei herbeigeführt 
sein, immerhin in Frage gestellt schien‘. Als ihre besondere Aufgabe betrachteten die Freikonser- 
vativen die Unterstützung der Politik Bismarcks und, im Zusammenhang damit, die Herbeiführung 
eines Zusammenarbeitens von Konservativen und gemässigten Liberalen. Im Winter 1867 bildete 
sich auch im konstituierenden Reichstag eine freikonservative Fraktion, die weiterhin den Namen 
„Reichspartei‘ annahm. Aber diese Veränderungen in der Stellung der alten Konservativen zur 
Regierung waren noch nicht gerade erheblich. Sie arbeiteten mit ihr bis zur Reichsgründung durch- 
aus zusammen. Dagegen brachte der Kulturkampf eine wirkliche Entfremdung zwischen ihnen. 
Nicht bloss die einzelnen Kulturkampfgesetze und diese nicht einmal in erster Linie, sondern 
vor allem der Geist, in dem der Kulturkampf von den Liberalen geführt wurde,‘) und 
überhaupt die allgemeinen Tendenzen dieser Blütezeit des Liberalismus wurden von den 
Konservativen verurteilt. Zwar stellten sie sich auch jetzt nicht übereinstimmend zur 
Regierung. Abgesehen von den Freikonservativen, die die Politik Falks vollkommen unterstützten, 
bildeten sich im preussischen Abgeordnetenhaus die Gruppen der „Altkonservativen‘ und der 
„Neukonservativen‘, deren Unterschied darin begründet war, dass die letzteren die Fühlung mit dem 
Kanzler nicht verlieren wollten. Doch waren beide Richtungen in der Abneigung gegen den Geist 
des Kulturkampfs, durch den auch die protestantische Kirche in Mitleidenschaft gezogen wurde, 
und gegen das Manchestertum einig. Eınmal kam es in jener Zeit zu einem heftigen Zusammenstoss 
zwischen Bismarck und den Konservativen (freilich nıcht der Partei als solcher): durch die Ara- 
artikel der Kreuzzeitung. Es ist ein eigentümliches Spiel der Geschichte, dass diese Artikel, die 
Bismarck so sehr erregten und gegen die damaligen Konservativen einnahmen, sachlich mit dazu 
gedient haben, eine Stimmung für seine spätere Wirtschaftspolitik vorzubereiten, wie denn auch der 
Verfasser der Araartikel, Perrot, später als konservativer Reichstagsabgeordneter die Bismarcksche 
Politik unterstützt hat. Die Artikel richteten sich gegen die manchesterlich-börsenfreundlichen 
Minister Delbrück und Camphausen und fügten ausserdem törichterweise eine Spitze gegen Bismarck 
hinzu. Dieser aber hat jene Minister nachher selbst abgeschüttelt. 
Wie hiermit schon angedeutet wird, fand bald wieder eine Annäherung zwischen Bismarck 
und den Konservativen statt. Eingeleitet wird sie durch die Gründung der „Deutschkonservativen“ 
Partei im J. 1876. Wenn diese auch nicht um der Annäherung willen erfolgte, so trug doch die da- 
durch bewirkte Kräftigung der Konservativen dazu bei, später die Bismarcksche Politik zu stützen. 
In der „Deutschkonservativen Partei‘ vereinigten sich wieder Alt- und Neukonservative. Das 
Programm (‚Der Aufruf‘) von 1876 fordert „die Stärkung und den Ausbau der für unser Vaterland 
gewonnenen Einheit auf dem Boden der Reichsverfassung in nationalem Sinne‘, daneben die 
„Wahrung der berechtigten Selbständigkeit und Eigenart der einzelnen Staaten, Provinzen und 
Stänme“. Der Kulturkampf wird als „ein Unglück für Reich und Volk“ bezeichnet, jedoch dem 
Staat das „Recht zuerkannt, kraft seiner Souveränetät sein Verhältnis zur Kirche zu ordnen“; „‚wir 
werden die Staatsgewalt den entgegenstehenden Ansprüchen der römischen Kurie gegenüber 
unterstützen“. Endlich wird die Bekämpfung des Manchestertums verlangt und es für „Pflicht“ 
erklärt, „den Ausschreitungen der sozialistischen Irrlehren entgegenzutreten“. 
a) Der Gründungstag ist der 29. Juli 1866. Vgl. Wolfstieg, die Anfünge der Freikonservativen 
Partei, in: Delbrück-Festschrift (Berlin 1908), S. 313 ff. 
*) Zur Charakteristik dieses Geistes vgl. J. v. Eckardt, Lebenserinnerungen I, S. 147. Zu dem damals 
viel zitierten Wort der Nationulzeitung: „Es ist eine Lust zu leben; heutzutage kann man ausserhalb des Schatiens 
5" Kirche leben und sterben“ vgl. Archiv f. Kulturgeschichte Bd. 8, S. 327 und 468; D. v. Örtzen, Adolf Stöcker I,
	        
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