184 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk.
Schulstube für das Ausland spielte; die 6 bis 7 Mill. deutschen Auswanderer im 19. Jahrhundert
kosteten dem He’ matland 6—8 Milliarden Mk. an unvergoltenen Erziehungskosten, an mitgenomme-
nem Kapital. Der Verlust, den durch diese Abwanderung die deutsche Volkswirtschaft erlitt,
war doppelt empfindlich, weil die Ausgewanderten, wie erwähnt, vielfach in der 2. Generation
aufhörten, Deutsche und Konsumenten deutscher \Vare zu sein, statt dessen Kulturdünger für
andere mit uns im Wettbewerb befindliche Völker wurden und zur Erschwerung unserer Stellung
auf dem Weltmarkte beitrugen.
Umgekehrt in der Neuzeit. Die Einigung des Reichs, sein wirtschaftlicher Aufschwung,
seine Ausbildung zur Weltmacht und zum Welthandelsstaat, sein wirksames auf achtung-
gebietende Land- und Seemacht gestütztes Auftreten nach aussen, unsere Stellung im
Rat der Völker hat das Ansehen des deutschen Namens im Ausland und damit zugleich
das Selbstbewusstsein unseres Auslandsdeutschtums bedeutsam gehoben. Das Ausland
selbst begrüsst die deutsche Zuwanderung vielfach geradezu als hervorragendes Heil-
mittel gegen wirtschaftliche Rückständigkeit und gegen politische Gefahren und Krank-
heiten, als ein E’ement des Fortschritts und der ruhigen Ordnung zugleich. Vom Stand-
punkt Deutschlands sind die Deutschen draussen — wenn auch staatsrechtl ch ausgeschieden —,
diese deutschen Menschenkolonien unter fremder Herrschaft, wichtige Vorkämpfer und Bahn-
brecher unserer Wirtschaftsinteressen, sie ebnen den Weg für lohnende Arbeit des deutschen
Kapitals in ausländischer Landwirtschaft und Industrie und sind wertvolle Pioniere für unsern
Handel. Von der Haltung und Gesinnung der Auslandsdeutschen hängt wesentlich die Kultur-
stellung des deutschen Volks ab, die Verbreitung seiner Sprache, die Wirkung seiner Wissenschaft,
Literatur und Kunst — kulturelle Errungenschaften, die sich ebenfalls in wirtschaftliche Vorteile
umsetzen. So sind denn auch unsere Auslandsdeutschen dem Reich ganz namhafte Hilfe in seiner
bei unserem Kräfte-Überschuss (an Menschen und sonstigen Kapitalien) immer vitaler werdenden
Aufgabe, unsere nationalen und wirtschaftlichen Interessen auch im Weg der Expansion wahr-
zunehmen.
Alles in allem bildet mithin das Deutschtum im Auslande, die Wanderungsbilanz, die Deutsch-
land im internationalen Bevölkerungsverkehr aufweist, einen eminent wichtigen Posten in unserer
Zahlungsbilanz gegenüber dem Auslande. Bekanntlich kommt diese keineswegs in der blossen
Handelsbilanz richtig zum Ausdruck, vielmehr erst in der Abgleichung aller Elemente inter-
nationaler Wertübertragungen, wie des Zahlungsmittel-, des Kreditwesens, des Verkehrswesens
(Schiffahrt und Eisenbahn) und auch der Wanderbewegung. Dieser letztere Posten fällt neben
den Kapitalien, die wir dem Auslande zur Verfügung stellen, um so vorteilhafter
für uns in die Wagschale, je mehr es uns gelingt, zu verhindern, dass die abgewanderten Deutschen
dem Mutterlande dauernd verloren gehen. Und darum mag die Abwanderung definitiven, kolo-
nisatorischen oder nur temporären Charakter haben, auf alle Fälle müssen die Beziehungen dieser
unserer fremdländischen Menschenkolonien zur Heimat rege erhalten werden. Darum zielbewusste
Stärkung der nationalen Widerstandskraft des Deutschtums, eifrige Pflege deutscher Sprache,
deutschen Geistes, deutscher Sitte, deutscher Staatsangehörigkeit, kräftiger diplomatischer, kon-
sularischer, maritimer Schutz der deutschen Interessen im Ausland! Was bisher zur Sicherung
und Pflege des Auslandsdeutschtums von der Reichsregierung geschah im Weg der Auswanderer-
fürsorge, Erleichterung der Überseeverbindungen, Reform des St gehörigkeitsgesetzes,
namentlich im Weg der Förderung der Auslandsschulen, muss in erhöhtem Masse fort-
gesetzt werden; insbesondere bedarf auch die deutsche Presse und der deutsche Film im Aus-
land sowie die ausländische Presse und der ausländische Film bezüzlich deutscher Verhältnisse
weit besserer Bedienung als seither. Daneben muss in der Jugendleitung des nachwachsenden
Geschlechts gebessert werden, was bei der Erziehung früherer Geschlechter versäumt wurde, es
muss schon in unseren Schulen (nach dem Vorbild von Sachsen und Württemberg) das Ver-
ständnis und die rechte Schätzung des eigenen Volkstums auf breiterer Grundlage als bisher
gepflegt werden, insonderheit durch eine tiefer greifende Belehrung über das Auslandsdeutschtum
und seine rühmlichen Leistungen.