Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 185
Dann wird das leider bisber so häufige Aufgehen in fremder Nationalität immer mehr
deutschem Nationalstolz in der Fremde weichen. Dann werden unsere Ausgewanderten
die nationale und kulturelle Gemeinschaft mit uns bewahren und werden zu dauernden Trägern
des deutschen Volkstums im Auslande. Dann wird unser Wanderungsverlust im internationalen
Völkerverkehr zu einer Erweiterung unserer Macht und Herrschaft, und zwar ideell, kulturell und
auch wirtschaftlich. Dann ist Deutschland ‚die grosse Kinderstube der Welt“ zum eigenen Glück
und Wohlstand unseres Vaterlandes.
III.
Binnenwanderungen in Deutschland.
Mit der grossen Bevölkerungszunahme hat das innere Gefüge des Volkskörpers in mehrfacher
Richtung Wandlungen erfahren. An Stelle der ehedem starken Auswanderung über die Reichs-
grenzen trat eine ungeheuere Binnenwanderung,diean Umfang und Intensität die Völker-
wanderung früherer Jahrhunderte, auch das verflossene „Völkerwanderungs-Jahrhundert‘‘,
weit übertrifft. Der Schauplatz der Tätigkeit des Volkes hat sich hierdurch nicht unwesentlich
verschoben. Geleitet vom Streben nach besseren Futterplätzen, nach höheren Futteranteilen,
wenden sich viele Elemente des Volkes von ihrem Geburts- und ihrem bislierigen Erwerbsort
ab, um in Städten und industriellen Gegenden sich niederzulassen.
Infolgedessen wurde die Siedlungsweise stark verändert. Das platte Land
erlitt stellenweise eine beträchtliche Entvölkerung. Die Gegenden des Westens in der Nähe von
Kohle und Eisen, an den Hochstrassen des Weltverkehrs bewirkten grosse Anziehungskraft. Der
Verstadtlichungsprozess machte ungemein rasche Fortschritte. Infolge der grässeren Dichtigkeit
der Bevölkerung in weiten Gebieten des Reichs treffen auf 1 qkm jetzt (1910) durchschnittlich
120 Einwohner (1871: 75,9; 1890: 91,4).
Wohl sind schon früher von den ländlichen Gemeinden Besitz und Intelligenz immer wieder
abgewandert. Jetzt aber folgen ihnen die langsamen und schwerfälligen Massen so zahlreich, dass
die Abwanderung grosse Dimensionen annimmt und bedenkliche Erscheinungen hervorruft. Während
im Jahre 1880 auf dem platten Lande (Gemeinden mit unter 2000 Einwohnern) 58,6% der Reichs-
bevölkerung wohnten, waren es 1910 nur mehr 40,0%. Umgekehrt stieg die Stadtbevölkerung
von 41,4 auf 60,0%. Allerdings spielt bei diesen Veränderungen noch der Umstand mit, dass eine
Reihe von Gemeinden sich aus kleineren Ortschaften mit unter 2000 Einwohnern zu grösseren
„städtischen“ entwickelfen und so einerseits zur Verminderung der ländlichen, anderseits zur Ver-
grösserung der städtischen Bevölkerung beitrugen. Aber zahlreiche ländliche Gemeinden sind
tatsächlich im Laufe der letzten Jahrzehnte an Bevölkerung zurückgegangen. Von 8000 baye-
rischen Gemeinden verloren beispielsweise in der Zeit 1855, 1905 2882 direkt an Einwohnern, 48 ver-
zeichneten einen Stillstand, 500 eine Mehrung von nur höchstens 10 Personen, mithin warbei3430 oder
43% aller bayerischer Gemeinden im verflossenen halben Jahrhundert die Entwicklung ungünstig.
Diese Entwicklung ging so weit, dass ganze Bezirksämter (von 161 sind es 27) jetzt eine geringere
Bevölkerungsziffer haben als vor 50 Jabren. Ähnliche Klagen sind aus Preussen, besonders aus
den östlichen Gegenden Preussens bekannt.
Diese Massenabwanderung vermindert nicht nur die Leistungsfähigkeit der ländlichen
Gemeinden, da gerade die jungen, arbeitskräftigen Elemente — freilich gibt es auch Minus-Vari-
anten darunter, Gesindel, Streuner usw. — das Hauptkontingent der Abwanderung stellen. Sie
bedeutet vielfach eine erhebliche Steigerung der Armenlasten, die zurückbleibenden Familienmit-
glieder fallen nicht selten der öffentlichen Armenpflege anheim. Unterstützungsfälle, auch noch von
auswärts, überraschen die Gemeinden, nehmen die Steuerkraft übermässig in "Anspruch und führen
zu hohen Gemeindeumlagen und zu weiterer Abwanderung. Sie ist vor allem nicht unbedenk-
lich in Hinblick auf die bisherige grosse Wichtigkeit der ländlichen Bevölk rurg für die Volks-
vermehrung, die Wehrhaftigkeit und die Volksgesundheit; auch was die ländliche Bevölkerung
zur Blutauffrischung für die immermehr sich verstadtlichende Bevölkerung liefern soll, fällt ihr
fortgesetzt schwerer, da schon jetzt nicht nur der entbehrliche Überschuss vom platten Land
abgegeben, sondern ein gut Teil des Stammkapitals an bäuerlicher Kraft mit angegriffen wird.