188 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk.
der vielseitigen Erwerbsmöglichkeit, die daselbst namentlich Gewerbe, Industrie und Handel
bieten, einer starken Vermehrung ihrer Einwohnerzahl.
Einwohnerzahl absolut eng
1885 1910 1885 1910
Landgemeinden (unter 2000 Einw.). . ».. 22.22.00. 26 376 927 25 954 587 56,3 40,0
Landstädte (2000—5000 Einw.) . 2. 2. 22.2.2000 0. 5 805 900 7297 770 12,4 11,2
Kleinstädte (5000—20 000 Einw.) . . . 222.220... 6 054 600 9172 333 12,9 14,1
Mittelstädte (20 000—100 000 Einw.) . . . 22.» 2... 4171900 8 677 955 8,9 13,4
Grossstädte (100 000 Einw. und darüber)... . 2... 4 446 400 13 823 348 9,5 21,3
Während das Jahr 1885 noch 21 Grossstädte (mit über 100 000 Einwohnern) und eine Gross-
stadtbevölkerung von 4,4 Millionen zählte, sind es 1910!) bereits 48 Grossstädte mit 13,8 Millionen.
(In England gibt es 41, in Frankreich 15, in den Vereinigten Staaten von Amerika 50 Grossstädte.)
Der Anteil der Grossstädte an der Gesamtbevölkerung stieg in diesen 25 Jahren von 9,5 auf 21,3 %.
In Wirklichkeit ist dieser Prozentsatz noch beträchtlich grösser, da die städtische Interessen- und
Einflusssphäre noch weit über den Burgfrieden der einzelnen Stadt hinausreicht. Ausserdem haben
sich Millionenkomplexe von Einheiten grossstädtischer Art herausgebildet, welche weiten Um-
gegenden einzelner Städte städtisches, speziell grossstädtisches Gepräge geben. Nimmt man
noch die wirtschaftliche, technische und intellektuelle Bedeutung der Grossstadtbevölkerung hinzu,
so kann man bereits von einem Überwiegen des Grossstadttums innerhalb unseres Volkstums
sprechen und man versteht es, dass den Grossstädten heute die Führung im wirtschaftlichen, gei-
stigen und künstlerischen Leben des Volkes gehört, wie sie auch zu den öffentlichen Lasten am
meisten beisteuern.
Gross-Berlin zahlt beispielsweise allein etwa ein Viertel der direkten Staatssteuern Preussens
oder soviel als die 7 preussischen Provinzen Ostpreussen, Westpreussen, Posen, Pommern, Branden-
burg (ohne Gross-Berlin), Schlesien, Schleswig-Holstein zusammen. Der Haushalt der blossen
„Stadt‘“ Berlin mit über 300 Millionen Mk. ist grösser als der württembergische Staatshaushalt
(249 Mill. Mk. im Jahre 1911/12). Das Gewerbepersonal von Gross-Berlin wird nach Heinrich
Silbergleit an Zahl nur vom Rheinland, von Sachsen und Bayern übertroffen; die 4 Provinzen
Ostpreussen, \Westpreussen, Posen und Pommern beschäftigen zusammen noch nicht 80% des Ge-
werbepersonals von Gross-Berlin; Württemberg und Baden zusammen erst 90%!
Einen so intensiven Verstadtlichungsprozess hat ausser Grossbritannien und den Vereinigten
Staaten von Amerika wohl kein anderer Staat aufzuweisen. Dieser Prozess macht die städtische
Kommunalwirtschaft immer verantwortungsvoller, gehen doch die neuen Ziele und Aufgaben, vor
die sie sich gestellt sieht, immer mehr und immer stärker an den Lebensnerv der Gesamtbevölkerung.
Selbstredend ist bei dem Anwachsen der Grossstädte auch die natürliche Vermehrung der
heimischen Bevölkerung beteiligt. Allerdings machte sie nicht so viel aus als die Einverleibungen
und Zuwanderungen. Nach der Berufszählung von 1907 waren von der grossstädtischen Bevölkerung
42% einheimisch (und dabei sind die Kinder eingerechnet, deren Eltern erst zugezogen sind und die
daher selbst, wenn auch in der betreffenden Stadt geboren, noch keineswegs als waschechte Ein-
heimische gelten können), 58%, zugezogen. (In Berlin 59,5% Zugezogene, in Char!ottenburg 81,4,
München 59,5, Dresden 57,0%.) Diese Zuwanderung ist übrigens vielfach selbst Anziehungskraft für
weiteren Zuzug, insofern als die betreffenden Städte eine grosse Anzahl steuerkräftiger Elemente
empfangen, dadurch ihren Wohlstand vermehren, infolgedessen weniger Gemeindeumlagen zu er-
heben brauchen und auf diese Weise zu weiterer Zuwanderung aus ärmeren Gegenden anreizen.
Allerdings ist die Zuwanderung nach Alter und Besitz für die einzelnen Städtegruppen nicht
gleichartige. Je nach dem Charakter der Stadt als Industriestadt (z. B. Gelsenkirchen, Plauen)
oder als Handels-, Verkehrs- und Konsumtionsstadt (z. B. Berlin, Frankfurt a. M.) oder als
Konsumtions- und Beamtenstadt (Wiesbaden, München) rekrutieren sich die Einwanderer
mehr aus Arbeiterschichten im zeugungsfähigen Alter und mit relativ früher Verehelichung,
oder mehr aus Mittelklassen mit hohen Anteilen an Personen im reiferen, auch im hohen Alter.
1) Einsohliesslich der am 1. April 1911 zur „Stadt“ erhobenen Gemeinde Hamborn.