Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

190 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 
sich inden verschiedensten Richtungen, insbesondere in bezug auf die Ver- 
teilung der Bevölkerung auch nach Geschlecht, Alter, Familienstand, Haushaltungen, Mutter- 
sprache, Staatsangehörigkeit, Religion, sowie in beruflicher und sozialer Hinsicht. 
Der Frauenüberschuss, den das Reich aufweist (auf 1000 männliche trafen 
1910 1026 weibliche Personen gegen beispielsweise 1039 i. J. 1880) und der unter andı rem mit der 
stärkeren Beteiligung der Männer an den Fern-, an den Überseewanderungen zusammenhängt, 
ist infolge Nachlassens der ehemaligen Auswanderung etwas zurückgegangen. Anderseits ist durch 
die Binnenwanderung, namentlich der männlichen Arbeitskräfte von der Landwirtschaft zur 
Industrie, auch info'ge Verlegung von Garnisonen das Bi!d von der Verteilung der Geschlechter 
in den einzelnen Reichsgebieten teilweise so erheblich verschoben, dass in einer Reihe von Bezirken 
(in Rheinland, Westfalen, Elsass-Lothringen) ein Männerüberschuss vorhanden ist. Übrigens 
existiert der für den Durchschnitt des Reiches festgestellte Frauenüberschuss keineswegs in allen 
Altersklassen, er gewinnt erst in den Altersklassen mit über 20 Jahren und zwar besonders in den 
höheren Altersklassen Bedeutung, er ist nicht eine Frage der Jungfrauen, sondern der älteren 
Witwen und daher für die Heiratsfrage nicht entscheidend. . 
Beider Alters- und Familienstand s gliederung des Volkes bewirken die Binnen- 
wanderungen, dass die produktiven Altersklassen und die Ledigen eine stärkere Besetzung in den 
Grossstädten aufweisen als im Reichsdurchschnitt und insbesondere auf dem Lande. wo die jüngeren 
und älteren Jahrgänge sowie die verheirateten stärker vertreten sind. Die Familienstands- 
gliederung zeigt zu Gunsten des verheirateten Elı ments cine Verschicbung gegen früher. Die Zahl 
der Verhcirateten ist stärker gewachsen als die der Ledigcn und der Verwitweten. Ihr Anteil 
an der G.samtbevölkerung hat scit 1871 um 2% zugenommen (1871: 33,54%; 1880: 33,99; 
1890: 33,93; 1900: 34,76; 1910: 35,78). An der erwachsenen (über 15 Jahre alten) Bevölkerung 
sind die einzelnen Familienstände wie folgt beteiligt (%): 
1900 1910 
Ledige 37,99 37.37 
Verheiratete 53,18 54 25 
Verwitwete 8,58 8,06 
Geschicdene 0,25 0,32 
Der Grund dieser Erscheinung liegt am veränderten Verhalten der einzelnen sozialen 
Klassen gegenüber der Verchclichung. In den an Zahl ausschlagscbenden unteren K assen wird 
mehr und frühzeitiger, in den oberen Klassen weniger und später als ehedem geheiratet. Im 
ersteren Falle spielt die verringerte, früher vielfach abgewartete Aussicht auf die Möglichkeit, 
sich selbständig machen zu können, eine Rolle, im letzteren sind es die längere Berufs- 
vorbereitung und die höheren Kulturan-prüche, die jetzt für die Eheschliessung, Familien- 
gründung, Kinderzahl mit massgebend geworden sind. 
Mit dem eben erwähnten steht in Zusammenhang, dass die Familien haushaltungen 
zugunsten der E nzelhaushaltungen etwas zurückgehen, an Zahl ihrer Mitglieder sich vermindern, 
de einen geringeren Bestand von Familienangehörigen, dagegen einen grösseren Bestand von fa- 
milienf emden Mitgliedern (Einmieter, Schlafgänger etc.) aufweisen. Die städtische Entwicklung 
führt a'so dazu, de Menschen räumlich anzuhäufen. aber haushaltlich zu zer-plittern, wobei die 
Wohnungsnot, d’e teueren Wohnungspreise in den Städten nicht unerheblich mitwirken. Grössere 
Familienhausbaltungen s’nd hauptsächlich nur auf dem Lande nachgewiesen. 
Hinsichtlich der Sprachen verhältnisse hat Deutschland im grossen und ganzen den 
Vorzug der Spracheneinhe t:92% der Bevölkerung bezeichnen (1900) Deutsch als ihre Muttersprache. 
Der Vorzug wird uns namentlich in den Schwierigkeiten der Sprachenfrage n anderen Ländern, 
vor allem in Österreich, deutlich ers chtlich. Unsere Spracheneinheit machte im allgemeinen noch 
weitere Fortschritte, speziell zum Beispiel auch in bezug auf die französisch sprechenden Be- 
völkerungselemente. Nur die Polen in Preussen machen eine Ausnahme durch ihre fortgesetzt 
starke Vermehrung: ihre Zahl stieg von 2 Millionen im Jahre 1852 auf 2,8 Millionen im Jabre 1890, 
auf 3,] Miliionen i. J. 1900, auf 3,3 Mi.lionen ı. J. 1905, auf 3,5 Millionen i. J. 1910. Sie befinden sich
	        
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