Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

16 Carl Bachem, Die Zentrumspartei. 
3. Die Fraktion verhandelt und beschliesst nach diesen Grundsätzen über alle in dem Reichs- 
tag zur Beratung kommenden Gegenstände, ohne dass übrigens den einzelnen Mitgliedern 
der Fraktion verwehrt wäre, im Reichstage ihre Stimme abweichend von dem Fraktions- 
beschlusse abzugeben.“ 
Enthielt das Programm der Fraktion des Abgeordnetenhauses nur zwei materielle Punkte: 
Aufrechterbaltung der Verfassung sowie Vertretung der Freiheit und Selbständigkeit „der Kirche“, 
so erweiterte das Programm der Fraktion des Reichstages, dem Soester Programme und dem er- 
wähnten Wahlaufruf folgend, den Standpunkt nach verschiedenen Richtungen: es betonte den 
bundesstaatlichen Grundcharakter des neuen Reiches und wandte sich gegen die von liberaler Seite 
angestrebte schroffe Zentralisation; es stellte „das moralische und materielle Wohl aller Volks- 
klassen‘ sowie „die bürgerliche und religiöse Freiheit aller Angehörigen des Reiches‘ in den Vorder- 
grund und forderte insbesondere“ den Schutz „der Religionsgesellschaften“. 
Ausser ihren Programmen gaben sich beide Fraktionen noch kurze „Satzungen“ geschäfts- 
ordnungsmässigen Inhalts, welche bis auf einen kurzen unwesentlichen Satzteil in ihrem Wortlaut 
übereinstimmen. Sowohl in den Programmen, wie in den Satzungen wurde mit bewusster Absicht 
jede Bestimmung vermieden, welche den Beitritt protestantischer Mitglieder zu den Fraktionen 
hätte verhindern oder erschweren können. Man wollte eine politische Partei gründen, die alle 
gläubigen Christen, Katholiken wie Protestanten, unter ihre Fahne vereinigen könnte. 
Die Gründer der Fraktion waren der Wirkliche Geheime Rat Carl Friedrich von Savigny, 
welcher, früher im diplomatischen Dienst Preussens, 1866/67 an der Gründung des Norddeutschen 
Bundes hervorragend beteiligt, 1868 aus dem Staatsdienst (1871 endgültig) ausgeschieden war; 
dann Regierungsrat Hermann v. Mallinckrodt, Mitgründer und hervorragender Führer der frühern 
„Katholischen Fraktion‘ im Abgeordnetenhause; endlich die beiden Gebrüder Reichensperger, 
Appellationsgerichtsrat Dr. August Reichensperger und Obertribunalsrat Peter Reichensperger, 
diese beiden letzteren die bedeutendsten Gründer der früheren „Katholischen Fraktion‘ und deren 
massgebende Führer. Beide waren ursprünglich politisch liberal im Sinne der Zeit vor 1860; Savigny 
und Mallinckrodt waren Männer von ausgesprochen konservativer Geistesrichtung. An den Wahl- 
vorbereitungen für die neue Partei war auch Freiherr Burghard von Schorlemer-Alst hervorragend 
beteiligt, ebenfalls ein Mann konservativer Richtung. 
Der spätere Führer des Zentrums im Reichstag und im preussischen Abgeordnetenhause, 
der frühere hannöversche Justizminister Dr. Ludwig Windthorst, war bei der Gründung der Frak- 
tion im Abgeordnetenhause nicht beteiligt, obwohl er zu den Vorberatungen zugezogen worden war. 
Erst später erklärte er, einer an ihn ergangenen Aufforderung folgend, seinen Beitritt. Doch unter- 
zeichnete er bereits den erwähnten Wahlaufruf und gehörte im Reichstag zu den Gründern der 
dortigen Fraktion. Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler, Bischof von Mainz, war an allen Vor- 
bereitungen völlig unbeteiligt, trat jedoch am 20. März 1871 der neugegründeten Fraktion im Reichs- 
tag unverzüglich als Mitgründer bei. 
Im preussischen Abgeordnetenhaus begann die Fraktion mit einer Mitgliederzahl von 48 
und erreichte bis zum Schluss der Legislaturperiode von 1870/73 die Zahl von 54. Die Wahl von 
1873 brachte ihr 90 Mitglieder und 2 Hospitenten. Mit geringen Schwankungen stieg die Zehl bald 
bis auf etwa 100 Mitglieder, welche gegenwärtig als runder Bestand der Fraktion bezeichnet werden 
können. Im Reichstage brachte es die Fraktion in der ersten Legislaturperiode 1871,74 auf 63 Mit- 
glieder und 2 llospitanten. Bei der Wahl von 1874 erreichte sie die Zahl von 91 Mitgliedern und 
3 Hospitanten. Dann stieg die Zahl noch langsam und ebenfalls mit geringen Schwankungen, bis 
sie im Jahre 1890 106 Mitglieder und 7 Hospitanten erreichte. Sie hielt sich in der Folge nicht ganz 
auf dieser Höhe. Aber auch im Reichstag darf die Durchschnittsstärke der Fraktion auf 100 Mit- 
glieder angesetzt werden. 
er gegenwärtige Bestand beider Fraktionen ist folgender: Bei der Wahl vom 15. Januar 
1907 erreichte die Zentrumslraktion des Reichstages die Zahl von 104 Mitgliedern und 1 Hospitant. 
Für Kandıdaten der Zentrumspartei waren 2 179 800 Stimmen abgegeben worden. Bei der Wahl 
vom 16. Juni 1908 gelangte die Zentrumsfraktion des preussischen Abgeordnetenhauses auf 104 
Mitglieder. Inzwischen haben durch Nachwahlen die Zentrumsfraktion des Abgeordnetenhauses 
ein Mitglied, die Zentrumsfraktion des Reichstages drei Mitglieder verloren.
	        
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