96 Ernst Bassermann, Nationalliberale.
zählte, sank 1881 auf 47 Mandate und die Zahl der nationalliberalen Wählerstimmen ging von
1878 auf 1881 auf die Hälfte zurück. In dieser Not der Partei, die noch vergrössert wurde, als sich
1883 Bennigsen aus dem politischen Leben zurückzog, erwachte der feste Wille, dem Hader in den
eignen Reihen ein Ende zu bereiten. Es entstand die Heidelberger Erklärung als ein Bekenntnis
zur Bismarck’schen Sozialreform, die damals nicht vom Flecke rücken wollte, als ein Appell, die
Zollfrage als zunächst erledigt von der Tagesordnung der nächsten Jahre abzusetzen. Auf dem
Parteitag des Jahres 1884 erschien Bennigsen. Der Berliner Parteitag stimmte der Heidelberger
Erklärung zu und betonte die Selbständigkeit der Partei. Diese Entwickelung des Jahres 1884
war eine Notwendigkeit, wenn die Partei nicht der Auflösung verfallen sollte. Angesichts der Be-
deutung, die heute mehr wie zuvor dem Heidelberger Programm beigelegt wird, seien einige weitere
Ausführungen gestattet. Miquel war der Vater der Heidelberger Bewegung, er war auch ihr be-
rufener Interpret. Auf dem Neustädter Parteitag am 14. April 1881 führt er aus: Die Heidelberger
Erklärung ist kein Zukunftsprogramm. Sie beschränkt sich verständigerweise — und das sollten
alle politischen Programme tun — auf eine bestimmte Stellungnahme zu den brennenden poli-
tischen und sozialen Tagesfragen von heute. Die Heidelberger Erklärung ist keine süddeutsche
separatistische Parteiauffassung, sie steht voll und ganz auf dem Boden des Programms der national-
liberalen Partei des Jahres 1881 und schliesst sich in allen Punkten an dasselbe an. Aber sie nimmt
zu den in der Zwischenzeit schärfer und bestimmter hervorgetretenen Fragen naturgemäss auch
bestimmtere und deutlichere Stellung.
Miquel sprach sich in derselben Rede über Parlament und Stimmrecht aus; er sagt:
„Unter allen Umständen halten wir eine kräftige Mitwirkung des deutschen Volks und
eine unangefochtene Stellung des deutschen Parlamentes nicht bloss zur Sicherung der Freiheit
sondern vor allem der Einheit für unerlässlich. Ein unabhängiges Parlament, ein würdevolles
Parlament haben Sie dekretiert durch das allgemeine Stimmrecht. In unsern heutigen wirtschaft-
lichen Verhältnissen bei der Abhängigkeit so vieler von anderen ist es eine Fälschung des Wahl-
rechts, das geheime Stimmrecht anzugreifen. Wir wollen dasselbe verteidigen wie alle übrigen
Rechte und Privilegien des deutschen Parlaments.“
Er verwies auf die schwieriger gewordene Lage der deutschen Landwirtschaft, aus der sich
die Berechtigung der Agrarzölle ergebe und präzisierte den Inhalt des Heidelberger Progranıms
in einem Brief an Bennigsen vom 5. Mai 1884, in welchem er schreibt, dass die nationalliberale
Partei nach wie vor liberale Gesetzgebung und Entwicklung verlange, dass dieselbe aber die Sozial-
politik des Fürsten Bismarck unterstützen wolle. Dieser Punkt sei das Entscheidende, auf ihn lege
man in Süddeutschland das grösste Gewicht, daran hefte sich die zukünftige Politik vor-
ZUESWEISC.
Die Tatsache, dass die beiden führenden Geister BennigsenundMiquelsich wiederum
an die Spitze einer aktiven Politik der Partei gestellt hatten, gab den Parteigenossen im Lande neuen
Mut und so ging man mit Zuversicht in die Wahl des Jahres 1884, die freilich die alte Wählerzahl
des Jahres 1878 nieht zurückbrachte, sondern um 300 000 Stimmen hinter derselben zurückblieb,
die auch dieZahlder Mandate nur um 6 — von 45 auf5l — erhöhte, die aber immerhin erwies, dass
einem weiteren Rückgang der Partei Einhalt geboten war. Das Jahr 1887 brachte die grosse Frage
der Heeresverstärkung, damit die Belebung des nationalen Gedankens im Volke, den Abschluss
des Kartells zwischen Nationalliberalen und Konservativen und als Erfolg der zugkräftigen Parole
für die Nationalliberalen ein Anwachsen ihrer Stimmen auf 1700000 mit 99 Mandaten.
Es waren hochgemute Zeiten, die leider nicht lange anhielten. Die bewilligten neuen Steuern,
die Verlängerung der Legislaturperiode von 3 auf 5 Jahre brachten der Partei manche
ungerechtfertigte Kritik ein und die Emeuerung des Kartells im Jahre 1890 war, da nationale
Frugen nicht zur Diskussion standen. eine verkehrte Massnahme und wurde durch die Wahlen als
ein Fehler erwiesen, indem die Stimmenzahl um 600 000 zurückging und die Mandate sich von 99
auf 42 verminderten. Man befürchtete in manchen Wählerkreisen eine Gefährdung von Volksrechten
durch diese erneute Verbindung mit den Konservativen und wandte sich so von den Nationallibe-
ralen ab, obwohl diese nicht willens waren, eine rückschrittliche Politik zu treiben.