390 Josef Grunzel, Die Industrie.
ausserordentlich günstige Frachtlage geschaffen. Übrigens baut sich die Eisenindustrie in immer
höherem Masse auf Erzen auf. die weither vom Auslande kommen, aus Spanien, Algier, Italien,
Griechenland, ja es gelangen bereits Erze aus Kanada, Südafrika und China zur Verarbeitung in
Europa. Aber nicht nur die von Natur aus billige Wasserfracht wurde überwunden, sondern auch
die Landfracht, denn die schwedischen Eisenerze verbreiten sich über den ganzen Kontinent. Auch
bier zeigt sich, wenn auch spät, so doch unaufhaltsam, der Sieg des Menschen über die Natur. Eng-
land hatte bessere Kohlen und Erze, Deutschland aber eine bessere Wirtschaftspolitik, und die
entschied.
Die deutsche Eisenindustrie bietet uns auch das Schauspiel jenes ungeheuren Konzen-
trationsprozesses. der manche der bisherigen nationalökonomischen Lehren auf den Kopf zu stellen
droht. Fast die gesamte Stahlerzeugung des Deutschen Reiches wird von 31 Firmen betrieben. die
im Stahlwerksverband in Düsseldorf ihre Produktions- und Absatzverhältnisse einheitlich geregelt
haben und sich noch immer enger zusammenschliessen. Dabei gehören die grössten Firmen des
Stahlwerksverbandes gleichzeitig dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat in Essen an, dem
fast sämtliche Zechen des Ober-Bergamtsbezirks Dortmund mit einem Anteil von 54 %, an der ge-
samten deutschen Kohlenproduktion angehören. Die Firmen sind grosse, mit Banken eng liierte
Aktiengesellschaften. Während zur Zeit der Entstehung der Fabriksindustrie der Fortschritt in
der technischen Arbritsteilung des Betriebes und in der Spezialisierung der Betriebe untereinander
für die einzelnen Fabrikate lag. ist das Schlagwort der modernen Zeit die Arbeitsvereinigung, welche
die spezialisierten Betriebe wieder zu einer höheren Einheit zusammenfasst, weil sich auf diese
Weise verschiedene technische und kommerzielle Vorteile erzielen lassen. Das Stahlwerk erzeugt
nicht bloss einfache Walzwaren, wie Eisenbahnschienen und Träger, sondern errichtet auch Walz-
werke für Stabeisen, Bleche usw., baut eigene Fabriken für Eisenkonstruktionen und Maschinen,
Eisenbahnwaggons und Lokomotiven. Der sogenannte gemischte Betrieb dehnt sich aber im Pro-
duktionsprozess nicht bloss nach vorwärts, sondern auch nach rückwärts aus. Das Stahlwerk gliedert
sich auch ein Hochofenwerk an, kauft Kohlenbergwerke und Erzgruben. Den Typus eines solchen
Unternehmens stellen die in eine Aktiengesellschaft verwandelten Werke der Firma Friedrich Krupp
in Essen dar. Die Werke umfassen die Gussstahlfabrik in Essen, die mittelrheinischen Hütten-
werke, die Friedrich-Alfred-Hütte in Rheinhausen-Friemersheim, das Stahlwerk Annen in West-
falen, das Grusonwerk in Magdeburg-Buckau, die Germaniawerft in Kiel-Gaarden, mehrere Kohlen-
zechen, zahlreiche Eisenerzgruben in Deutschland und im Beteiligungswege in Nordspanien, sowie
eine Reederei in Rotterdam mit eigenen Seedampfern für den Erztransport. Die Gussstahlfabrik
allein verbraucht fast so viel Wasser wie die Stadt Bochum und fast so viel Gas wie die Stadt Elber-
feld. Am 1. Januar 1912 beschäftigten die Krupp’schen Werke einschliesslich der Beamten im
ganzen 69 950 Personen. Ein solcher moderner Betrieb ist also zu einer Stadt für sich geworden.
Von entscheidender Bedeutung für die industrielle Entfaltung eines Landes ist noch immer
die Kohle. Deutschland ist, wie neuere Untersuchungen ergeben haben, bezüglich der Kohlen-
vorräte das reichste Land Europas, nur die Vereinigten Staaten von Amerika und China verfügen
über weit grössere Kohlenfelder. In der Weltproduktion besass aber England bis fast ans Ende
des 12. Jahrhunderts eine beherrschende Stellung, die es seither an die Vereinigten Staaten von
Amerika abtreten musste. An dritter Stelle folet Deutschland, doch haben sich die Anteile dieser
drei Staaten ziemlich ausgeglichen, wie folgende Übersicht zeigt:
Welt-Produktion in Stein- und Braunkohle
in Mill. t (1000 kg)
1860
1900 1908
Förderung aller Staaten .............. 37. 7711 1067.0
Anteil der Vereinigt. Staaten von Amerika 15.2 = 11.1% 23446 = 31.7 %, 37169 = 35.3 %
Anteil Englands ........ ernenerenenn 81.3 = 59.1 % 228.8 = 29.6 %, 265.4 = 21.9 %
Anteil Deutschlands ........2.22222200. 16.7 = 122% 1498 = 194% 2153 = 20.1%
Dabei ist zu berücksichtigen, dass England den vierten Teil seiner Produktion ins Ausland
ausführt, während die Vereinigten Staaten ihre Produktion fast zur Gänze selbst aufbrauchen und