404 Josef Grunzel, Die Industrie.
Zum Schluss wirft sich von selbst die Frage nach der künftigen Entwicklung auf. Der Wirt-
schaftspolitiker hat nun nicht zu prophezeien, wohl aber zu zeigen, welche Entwicklungsmöglich-
keiten in der Gegenwart liegen und wie ihnen begegnet werden soll. Zunächst muss damit gerechnet
werden, dass die industrielle Entwieklung in Hinkunft keine so stürmische sein wird wie bisher, da
es sich nicht mehr um ein plötzliches Hervorbrechen der durch widrige äussere Verhältnisse lange
zurückgehaltenen Produktivkräfte handelt. Zum Glück ist der Nordländer keine Spielernatur, die Er-
folge werden ihn nicht zur Waghalsigkeit berauschen. Das Schlagwort vom „langsameren Tempo“
wird aber gute Dienste tun, wenn es zur Vorsicht mahnt. Weniger zur Vorsicht bei der Beurteilung
von neuen Anlagen, die mehr von der jeweiligen Konjunktur abhängen als von der allgemeinen Ent-
wicklung, als vielmehr zur Vorsicht bei der Beurteilung der Produktionskosten, die sich durch die
rasche Steigerung der Lebensmittelpreise im Vergleiche zu anderen Ländern erhöhen. Im letzten
Dezennium verteuerten sich die Grosshandelspreise in folgender Weise:
Berliner Preis per t in Mark Berliner Preis für 1 dz Schlachtgewicht
Roggen Weizen Rindvieh Schweine Kälber
1900 142.6 151.8 119.1 95.5 132.5
1909 176.4 233.9 131.6 133.3 163.3
1911 168.3 204.0 153.7 91.4 183.3
Die deutsche Landwirtschaft hat den erhöhten Zollschutz ebenso wie die Industrie zu einer
intensiven Produktion benutzt, aber in einem Punkte ist das Resultat verschieden: während die
Industrie ihre Fabrikate im grossen Durchschnitt billiger abgeben kann, weil die durch Masseneı
zeugung im spezialisierten Grossbetrieb erzielte Kostenersparnis grösser ist als die Verteuerung durclı
den Zollschutz, muss die Landwirtschaft ihre Produkte verteuern, weil der Boden beschränkt ist
und im Verhältnis zum Mengen-Ertrag immer grössere Aufwendungen erfordert. Man wird nun ge-
wiss nicht in das Gegenteil verfallen und durch einen plötzlichen Abbau der Agrarzölle die Landwirt-
schaft preisgeben. Man wird sich aber zu der Erkenntnis durchringen müssen, dass die noch sehn-
süchtig angestrebte Deckung des Eigenbedarfes für die Landwirtschaft ebenso wenig ein Ideal ist
wie für die Industrie. Trotz der riesigen Fortschritte Deutschlands auf industriellem Gebiete ist
der Import fremder Fabrikate nicht gefallen, sondern gestiegen, wenn er auch prozentuell im Rahmen
des gesamten Aussenhandels an Bedeutung verloren hat. Auch in der Landwirtschaft sollten nicht
alle Produkte in gleicher Weise geschützt werden, sondern hauptsächlich jene, bei denen eine Inten-
sivierung durch grösseren Aufwand von Kapital und Arbeit die besten Aussichten eröffnet.
Wenn beispielsweise in der Züchtung von hochwertigem Mastvieh eine grössere Leistungsfähigkeit
zu erreichen ist, so wäre es verkehrt, den Bezug von Futtermitteln aus dem Auslande (Futtergerste,
Mais) übermässig zu erschweren. Industrie und Finanzkapital sind heute mehr denn je in der Lage,
die Stätten billiger Arbeitskraft zu suchen und der Preis der menschlichen Arbeitskraft ist abhängig
vonden Lebensmittelpreisen. Schon heute sehen wir, dasssich der deutsche Unternehmungsgeist über
ganz Europa verbreitet und in verschiedenen Ländern zahlreiche Fabriken gründet. die der deutschen
Industrie immer schärfere Konkurrenz bereiten werden. Ferner hat Deutschland alle Ursache, zur
ungeschmälerten Erhaltung und stetigen Erweiterung seiner Absatzgebiete an einer zielbewussten
Handelsvertragspolitik festzuhalten und den allen Tarifvereinbarungen feindlichen Tendenzen ent-
gegenzutreten, welche die Reziprozitätspolitik der Vereinigten Staaten von Amerika und das fran-
zösische Zollsystem des Maximal- und Minimaltarifs bereits ziemlich erfolgreich propagiert hat.
Durch den glücklichen Schachzug der Dezemberverträge von 1891 ist Deutschland zum Mittelpunkt
der europäischen Handelspolitik geworden. Es sollte diese Stellung im eigenen Interesse nicht ver-
lieren, sondern durch einen Ausbau dieser Verträge zu Handelsbündnissen mit benachbarten Staaten
zu einer noch stärkeren handelspolitischen Kristallisierung den Anstoss geben.
Die Zukunft ist also nicht sorgenfrei, die Vergangenheit aber ermutigend genug, um auch
pie künftigen Schwierigkeiten nicht als unüberwindlich erscheinen zu lassen; denn man kann sagen,
dass Deutschland die Antwort gefunden hat, welche die Nationalökonomie seit Jahrhunderten ver-
geblich sucht, die Antwort auf die Frage nämlich: Wie wird ein Volk reich ?