Full text: Handbuch der Politik.Dritter Band. (3)

232 Fritz Zadow, Der deutsche Kolonialbestand. 
  
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zu betreiben : in ihrem eigenen Territorium die subtropische Produktion, wie Weizen, Maisund Rüben, 
und inihren neueren Erwerbungen Kuba und den Philippinen Zuckerrohr, Tabak usw. Russland, 
das vor noch nicht allzulanger Zeit viele Millionen Mark für amerikanische Baumwolle und für 
Petroleum ausgeben musste, deckt jetzt den Bedarf grösstenteils aus seinen asiatischen Provinzen 
und ist als einziger europäischer Staat in der Lage, einen Einfuhrzoll auf Baumwolle zu erheben. 
Es ist deshalb ein naheliegender Gedanke, dass dıe ungeheuren Summen, die Deutsch and all- 
jährlich für tropische Rohstoffe und Genussmittel ausgeben muss, durch Ausnützung der Kolonien 
dem Mutterlande erhalten blieben und dass Deutschland sehr wohl ın der Lage ıst, mit seinem sub- 
tropischen und tropischen Besitz ein geschlossenes und vom Weltmarkte unabhängiges Wirtschafts- 
gebiet zu bilden, geht aus dem Gutachten von hervorragenden landwırtschaftlichen Sachverständi- 
een hervor. Wiez.B. Wohltmann?) behauptet, kann Deutschland mindestens 
ımLaufeeinesJahrhundertsseinengesamtenBedarfankolonialen 
Rohstoffenin seinen Kolonien gewinnen, weiche hauptsächlich als Lieferanten 
folgender Produkte inFragekommen:Textıl-Rohstotfe wıe Baumwolle, Hanf, Wolle, Seide: 
ölproduzierende Pflanzen wıe Erdnüsse, Sesam und Kokosnüsse; Kolonial- 
waren wie Kakao, Kaffce, Reıs, ferner Kautschuk, Gerbstoffe, tierische Pro- 
dukte, Phosphat, Tabak, Kopalund Bergwerksprodukte. 
Die Gewinnung von pflanzlichen, tierischen und mineralischen Rohstoffen in den eigenen 
Kolonien hat für Deutschland beı fortschreitender Entwicklung zum Industriestaat noch deshalb 
eine besondere Bedeutung, weıl es hierdurch ın der Lage ıst, monopolistische Bestrebungen durch 
seine eigene koloniale Produktion zu durchbrechen. Besonders die Ringbildungen oder Trusts der 
Union erschweren durch künstliche und gewaltsame Preissteigerungen eine preiswerte Deckung 
des einheimischen Bedarfs, weil sie kraft ihrer Machtvollkommenheit der ganzen Welt die Preise 
vorschreiben und dadurch eine ernste Gefahr für den internationalen Handel bedeuten. Es gilt 
das namentlich für Baumwolle und Kupfer, deren Preise die amerikanischen Produzenten 
beeinflussen. Aehnliche Ringbildungen finden sich bei der Produktion von Kakao, dessen Kurs 
die Pflanzer von San Thome diktieren, während der Kaffee von der brasilianischen Regierung ‚‚va- 
lorisiert‘‘ wird. Ferner hängt die ungestörte Zufuhr der wichtigen Rohstoffe nicht zum wenigsten 
von den freundlichen oder feindlichen Massnahmen fremder Staaten ab, und es leuchtet ein, dass 
eine für den Welthandel ıns Gewicht fallende Gewinnung solch-rRohprodukte in eigenen Besitzungen 
das beste Gegengewicht gegen derartige Bestrebungen sein würde. 
Hierzu kommt, dass infolge der kolonialen Produktion — neben dem Einfluss auf die Preis- 
gestaltung wichtiger Waren des Weltmarktes — das Geld, das bisher ins Ausland geflossen ist, der 
deutschen Volkswirtschaft erhalten bleibt! Anstatt dass es in den Kreis der wirtschaftlichen Tätig- 
keit fremder Länder tritt, verbleibt es in dem Kreislauf zwischen der deutschen Volkswirtschaft und 
Kolonialwirtschaft und vermag so weiter befruchtend zu wirken. 
Da die deutschen Kolonien als Einwanderungs- und Siedelungsgebiete nur in beschränktem 
Masse brauchbar sind, so müssen sie nach dem alten Erfahrungssatz mit den Köpfen der weissen 
Rasse, aber mit den Armen der Eingeborenen entwickelt werden, und zwar werden ihre Schätze 
von den Eingeborenen durch Sammelwirtschaft oder auf dem Wege der Volkskulturen 
oder plantagenmässig unter europäischer Leitung durch einheimische Arbeitskräfte ge- 
wonnen. Die Sammelwirtschait d.h. die Sammlung und Verwertung bereits vorkandener Roh- 
stoffe kommt heute gerade noch in den wichtigsten Handelsgegenständen zur Geltunz; es gehören 
dazu Elfenbein, Kautschuk, Kopra, Palmöl, Palmkern und Kopal. Da infolge der Raubwirtscheft 
Elfenbein und Kautschuk bereits einen Rückgang zeigen, so müssen entweder durch den Plantagen- 
bau oder durch die Förderung der einheimischen Volkskulturen neue Werte für die Massenausfuhr 
geschafien werden. Togo und die meisten Südseekoloniıen sind fast ganz Gebiete für 
Eıingeborenenkulturen, neben denen der europäische Plantagenbau weit zurückbleibt; ebenso wird 
ın Kamerun und Deutsch-Ostafrika der grösste Teil der bisherigen Ausfuhrwerte 
von den Einzcborenen geliefert, während in den dünnbevölkerten Gebieten von Kaiser- 
  
   
  
  
  
  
  
(GERNE ERBE  _ 
  
”) Tropenpflanzer Nr. 1, Jahrgang 1909.
	        
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