Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

40  Vorgeschichte  der  Akademie.

gefunden,  was  ihm  bei  seinem  Wirken  in  und  für  diesen  Staat  zur
Unchre  gereichte.  Aber  mehrere  Fäden  nalım  er,  wie  so  häufig,
auch  diesmal  in  die  Hand,  wissenschatftliche,  politische  und  kirehliche,
  schlang  sie  in  einander  und  suchte  sie  zu  verspinnen.  Das
ist  ihm  nicht  geglückt.  Jahre  hindurch  hielt  er  sie  fest  zusammen:
aber  die  Interessen  der  beiden  Rivalen,  die  er  zum  Tleile  Deutsehlands,
  des  Protestantismus  und  der  Wissenschaft  zu  verbinden  strebte,
gingen  zu  weit  aus  einander;  schliesslich  misstraute  man  ihm  in
Hannover  und  in  Berlin;  hier  sehüttelte  man  ihn  ab,  dort  sehob
man  ihn  bei  Seite,  und  sein  Leben  endete  in  tiefer  Vereinsamung

=

T.

Der  Briefwechsel  mit  SorHiE  ÜHARLOTTE  stellt  die  ersteu  Beziehungen
  von  Leisnız  zu  Berlin  dar.  Aus  der  Zeit  bis  zum  9.  Mai
1697  besitzen  wir  freilich  nur  zwei  Briefe  von  Leisnız  an  die  Kurfürstin
  und  einen  der  Kurfürstin  an  ihn!.  Wir  wissen  auch  bestimmt,
  dass  bis  zum  Jahre  1692  die  Correspondenz  nicht  lebhafter
war”,  und  wenn  wir  darauf  achten,  dass  sie  überhaupt  erst  kurz
vor  DANcKELMANN  S  Sturz  wieder  nachweisbar  ist  und  auch  dann  zunächst
  unter  Vorsichtsinaassregeln  geführt  wird  (s.  unten),  so  können
wir  uns  der  Annahme  kaum  verschliessen,  dass  politische  Umstände
einen  Briefwechsel  bis  1697  unrathsam  gemacht  haben’?.

I!  Abgedruckt  bei  Kropp.  7.  Bd.  S.48,  S.ı65f.,  10.Bd.  S.6f.  Der  erste  ist
ein  (zratulationsschreiben  zur  Geburt  des  Kurprinzen  (1688),  in  dem  zweiten
(16.  Januar  1692)  erinnert  sich  —  nach  drei  Jahren!  —  die  Kurfürstin  noch  jener
Wünsche;  in  dem  dritten  (r0.  Februar  1692)  spricht  Leienız  mit  Freimutli  und  Witz
über  die  Pietisten.  besonders  über  den  Superintendenten  PErersex  in  Lüneburg.
bezeugt  aber  seinen  tiefen  Respect  vor  Spexer.  Er  sprach  gewiss  der  Fürstin  aus
der  Seele.  wenn  er  schrieb:  »Il  semble  que  nous  sommes  Aa  present  dans  un  teınyps
on  Vrexterieur  de  la  devotion  est  a  la  mode.  et  la  cour  de  France,  la  source  des
modes,  y  donne  bon  exemple.  Car  tout  s’y  mele  d’ecrire  devotement.  jusqu'an
eelebre  Satirique  BoneAv«.  Wie  sicher  musste  er  des  Wohlwollens  der  jugendlichen
  Fürstin  sein.  wenn  er  seinen  Brief  mit  der  Wendung  schliessen  durfte:  »Je
crois  meme  que  la  solide  vertu  qui  brille  dans  une  grande  princesse,  environnee
des  attraits  «du  monde,  vant  mieux  «ue  la  vertu  farouche  et  retiree  d'une  Arroı-NETTE
  DE  BOURIGNON,  qui  en  fait  des  livres.  sans  peut-eEtre  la  pratiquer  comme  il
faut.  11  est  aise  de  faire  la  prude,  quand  on  est  sur  l’äge,  et  quatre-vingt  et  dix
ans  sont  d'un  grand  secours  contre  les  plaisirs  du  monde.  Je  prie  Dieu  de  conserver
  V.A.E.  jusqw'a  cet  äge  qui  fait  naturelleinent  les  saintes«.  Auch  der  Brief
von  9.Mai  1697  ist  noch  unpolitisch;  er  handelt  von  Borrıvs  (Krorr,  8.  Bd.  S.28ft.).

*  Nur  ein  Brief  von  Leissız  ist  verloren  gegangen,  s.  den  Brief  vom  16.  Januar
  1692.

®  Auch  Krorr  ninımmt  an  (a.a.0.  Bd.  ıo  S.XXILf.),  dass  zwischen  Februar
1692  und  Mai  1697  keine  Briefe  ausgetauscht  worden  sind.  Braruscneck  (Erziehung