Full text : Wilhelm Heinzes Quellen-Lesebuch zur vaterländischen Geschichte für Lehrerbildungsanstalten und höhere Schulen. Dritter Teil. Neueste Geschichte seit 1815 bis zur Gegenwart. (3)

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lande  empfangen.  Noch  war  der  Jubel,  mit  dem  unzählige  treue  Herzen  mich
begrüßt  hatten,  nicht  verhallt,  so  mischte  ein  Haufe  Ruhestörer  aufrührerische  und
freche  Forderungen  ein  und  vergrößerte  sich  in  dem  Maße,  als  die  Wohlgesinnten
sich  entfernten.  Da  ihr  ungestümes  Vordringen  bis  ins  Portal  des  Schlosses  mit
Recht  arge  Absichten  befürchten  ließ  und  Beleidigungen  wider  meine  tapferen  und
treuen  Soldaten  ausgestoßen  wurden,  mußte  der  Platz  durch  Kavallerie  im
Schritt  und  mit  eingesteckter  Waffe  gesäubert  werden,  und  zwei  Gewehre  der
Infanterie  entluden  sich  von  selbst,  gottlob!  ohne  irgend  jemand  zu  treffen.  Eine
Rotte  von  Bösewichten,  meist  aus  Fremden  bestehend,  die  sich  seit  einer  Woche,
obgleich  aufgesucht,  doch  zu  verbergen  gewußt  hatten,  haben  diesen  Umstand  im
Sinne  ihrer  argen  Pläne  durch  augenscheinliche  Lüge  verdreht  und  die  erhitzten
Gemüter  von  vielen  meiner  treuen  und  lieben  Berliner  mit  Rachegedanken  um
vermeintlich  vergossenes  Blut  erfüllt  und  sind  so  die  greulichen  Urheber  von
Blutvergießen  geworden.  Meine  Truppen,  Eure  Brüder  und  Landsleute,  haben
erst  dann  von  der  Waffe  Gebrauch  gemacht,  als  sie  durch  viele  Schüsse  aus  der
Königsstraße  dazu  gezwungen  wurden.  Das  siegreiche  Vordringen  der  Truppen
war  die  notwendige  Folge  davon.

An  Euch,  Einwohner  meiner  geliebten  Vaterstadt,  ist  es  jetzt,  größerem  Unheil
vorzubeugen.  Erkennt,  Euer  König  und  treuester  Freund  beschwört  Euch  darum
bei  allem,  was  Euch  heilig  ist,  den  unseligen  Irrtum!  Kehrt  zum  Frieden  zurück;
räumt  die  Barrikaden,  die  noch  stehen,  hinweg,  und  entsendet  an  mich  Männer
voll  des  echten,  alten  Berliner  Geistes  mit  Worten,  wie  sie  sich  Eurem  Könige
gegenüber  geziemen,  und  ich  gebe  Euch  mein  königliches  Wort,  daß  alle  Straßen
und  Plätze  sogleich  von  den  Truppen  geräumt  werden  sollen  und  die  militärische
Besatzung  nur  auf  die  notwendiger  Gebäude,  des  Schlosses,  des  Zeughauses  und
weniger  anderer,  und  auch  da  nur  auf  kurze  Zeit  beschränkt  werden  wird.  Hört
die  väterliche  Stimme  Eures  Königs,  Bewohner  meines  getreuen  und  schönen
Berlins,  und  vergesset  das  Geschehene,  wie  ich  es  vergessen  will  und  werde  in
meinem  Herzen  um  der  großen  Zukunft  willen,  die  unter  dem  Friedenssegen
Gottes  für  Preußen  und  durch  Preußen  für  Deutschland  anbrechen  wird.

Eure  liebreiche  Königin  und  wahrhaft  treue  Mutter  und  Freundin,  die  sehr
leidend  darniederliegt,  vereint  ihre  innigen,  tränenreichen  Bitten  mit  den  meinigen.

Geschrieben  in  der  Nacht  vom  18.—19.  März  1848.  Friedrich  Wilhelm.

2.  Quelle:  Brief  des  Prinzen  Wilhelm  von  Preußen  an  seine  Schwester
Charlotte,  Kaiserin  von  Rußland.½)
Fundort:  Erich  Brandenburg  a.  a.  O.  S.  43—46.
London,  28.  März  1848.
Ghldlich  blieb  man  bei  dem  Entschluß  stehen,  daß  die  Proklamation  des
Königs  von  der  Nacht  in  Ausführung  kommen  sollte,  daß  nämlich  da,  wo  eine
Barrikade  von  den  Bürgern  eingeebnet  wurde,  man  dies  als  einen  Beweis  des
Friedensantrages  betrachten  werde  und  vis-à-vis  derselben  die  Truppen  zurückziehen
  würde.  Mit  dieser  Antwort,  die  unter  den  vielen  Deputationen  völligen
Anklang  zu  finden  schien,  entfernten  sich  die  Mitglieder  derselben,  die  Prokla-1)
  Der  Brief  gibt  uns  einen  streng  sachlichen  und  wahrheitsgetreuen  Bericht  über
die  Verwirrung,  die  im  Berliner  Königsschlosse  herrschte,  und  die  Vorgänge,  die  zu  dem
verhängnisvollen  Befehl  der  Zurückziehung  der  Truppen  führten.