Full text : Fremdwörterbuch von Dr. Daniel Sanders; Band 2; Jahrgang 1891. (2)

 

Der  Pressedienst  der  Obersten  Heeresleitung.  79

wohl,  gingen  aber  untereinander  verschiedene  und  auch  von  der  Politik
der  Reichsregierung  abweichende  Wege.  In  Fragen  der  äußeren  wie  der
inneren  Politik  wurde  die  Autorität  der  Reichsleitung  Fangball  zwischen
Behörden,  Presse  und  Parteien.

Anstatt  daß  der  Pressedienst  der  O.  H.  L.  die  fehlende  Führung  hätte
übernehmen  können,  mußte  er  unter  diesen  Umständen  darauf  bedacht  sein,
die  O.  H.  L.  und  das  Heer  aus  dem  politischen  Spiel  herauszuhalten.  Im
November  1915  erhielt  er  Befehl,  grundsätzlich  zu  verhindern,  daß  in  aktiven
Dienststellen  befindliche  Offiziere  über  Politik  und  Kriegführung  schrieben.
Im  Juni  1916  wies  der  General  v.  Falkenhayn  erneut  darauf  hin,
daß  er  nicht  gewillt  sei,  die  Verantwortung  für  die  von  den  Zivilbehörden
ausgehenden  Zensuranweisungen  zu  tragen.  Schon  monatelang  vorher
hatte  die  Oberzensurstelle  es  sich  zur  Regel  machen  müssen,  bei  jeder  Anordnung
  ausdrücklich  anzuführen,  auf  wessen  Wunsch  sie  erging.  Sie  den
einzelnen  Stellen  abzulehnen,  war  nur  bei  völliger  Unvereinbarkeit  der
Anträge  mit  der  geltenden  Zensurpraxis  möglich.  Im  übrigen  überstieg
dies  die  Zuständigkeit  der  Oberzensurstelle.

Obgleich  eine  politische  Zenfur  nicht  bestehen  sollte,  wurde  sie  doch
immer  mehr  der  einzige  Weg,  auf  dem  Reichsregierung  und  Auswärtiges
Amt  sich  der  deutschen  Presse  entledigen  zu  können  glaubten.  Die  O.  H.  L.
hatte  mit  Übernahme  der  Oberzensurstelle  eine  gewisse  Verantwortung  für
die  Zensur  übernommen.  Es  kam  zu  scharfem  Zusammenstoß  zwischen
Heeresleitung  und  Reichsleitung.

Die  Zerfahrenheit  der  Zustände  sollte  nach  außen  hin  möglichst  nicht
hervortreten.  Es  hätte  die  Verhältnisse  nicht  gebessert.  Der  Pressedienst
der  O.  H.  L.  trat  im  Interesse  der  Staatsautorität  ein,  soviel  er  vermochte.
Ganz  zu  vermeiden  war  es  nicht,  daß  es  in  einzelnen  Fällen  auch  für  die
Offentlichkeit  erkennbar  wetterleuchtete.  Die  zunehmenden  Reibungen  mit
den  Behörden  waren  der  zweite  Grund,  daß  der  Pressedienst  der  O.  H.  L.
eine  wirklich  führende  Rolle  nicht  übernehmen  konnte.

Dazu  kam,  daß  die  vorgenannten  militärischen  Ereignisse  im  Kriegsverlauf
  ihm  ausreichend  eigene  Arbeit  brachten.  Und  schließlich  deckten
bekanntgewordene  Direktiven,  die  der  Vorsitzende  des  Vereins  deutscher
Zeitungsverleger  Anfang  1916  ausgegeben  hatte,  das  in  Pressekreisen
herrschende  Mißtrauen  auf,  die  O.  H.  L.  erstrebe  auf  dem  Weg  über  das
Kriegspresseamt  politischen  Einfluß.  Dieser  Irrtum  war  leicht  aufzuklären.
  Er  hinterließ  aber  doch  eine  neue  Entfremdung  zwischen  dem
Pressedienst  und  dem  Verlegerverein.  Nicht  durch  Schuld  des  Pressedienstes.


Dieser  erstrebte  nicht  einen  politischen  Einfluß,  wohl  aber  mit  Rücksicht
  auf  die  Verantwortlichkeit  der  O.  H.  L.  für  den  Kriegsausgang  die