Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

56.  Die  Polenfrage.

3  deutsche  Aerzte;  in  Thorn  sind  unter  den  12  jüngeren  und
nicht  beamteten  Aerzten  fünf  Polen.  In  den  kleinen  Städten
praktiziert  mindestens  ein  polnischer  Arzt.  Jede  Vakanz  ciner
ärztlichen  Stelle  wird  in  der  polnischen  Presse  sofort  unter  Angabe
  aller  derjenigen  Merkmale  veröffentlicht,  welche  zur  Beurteilung
  der  Einkommensverhältnisse  erforderlich  sind.  Aehnliches
gilt  von  den  Rechtsamvaltsstellen,  in  denen  das  polnische  Element
ebenfalls  zunimmt.  Selbst  in  Danzig  wächst  die  Zahl  der  Aerzte
und  Amwälte  polnischer  Nationalität  stetig.  Von  den  im  Regierungsbezirk
  Marienwerder  vorhandenen  Apotheken  waren  in
der  Zeit  vom  1.  Jannar  1890  bis  zur  Mitte  des  Jahres  1899
7  Apotheken  aus  deutschem  in  polnischen  Besitz  übergegangen.
Um  die  polnische  Bevölkerung  von  den  dentschen  Gewerbetreibenden
unabhängig  zu  machen,  sind  mehrfach  polnische  Warenhäuser  und
Konsumvereine  gegründet  worden.  Diese  schädigen  natürlich  die
vorhandenen  deutschen  Geschäfte  und  zwingen  sie  zur  Aufgabe
ihres  Betriebes.  Während  1873  nur  43  polnische  Genossenschaften
  mit  74396  Mark  Reservefonds  und  3  739  302  Mark
Depositen  bestanden,  waren  es  1901  deren  126  mit  2  869579  Mark
Reservefonds  und  53559  698  Mark  Depositen.  Diese  polnischen
Volksbanken  und  Erwerbsgenossenschaften  sind  nicht  nur  zu  wirtschaftlichen
  Zwecken  begründet,  sondern  dienen  in  hervorragender
Weise  auch  den  Bestrebungen  der  national-polnischen  Agitation.
Deutsche  Gewerbetreibende,  namentlich  Gastwirte,  gleichgültig,  ob
sie  katholischer  oder  evangelischer  Konfession  sind,  werden  immer
zahlreicher  boykottiert  und  dadurch  schließlich  zum  Verkaufe  ihrer
Geschäfte  an  die  Polen  gezwungen.  Gerade  die  Krüge  und  Gastwirtschaften
  haben  im  politischen  Leben  eine  gewisse  Bedentung,
und  es  ist  daher  längst  das  Bemühen  der  Polen  planmäßig
darauf  gerichtet,  diese  mit  ihren  Leuten  zu  besetzen.  Wie  peinlich
dies  anuch  die  deutschen  Katholiken  empfinden,  geht  aus  einem
Artikel  des  deutsch-katholischen  Westpreußischen  Volksblattes  vom
2.  Dezember  v.  J.  hervor.  Denn  dieses  Blatt  verurteilt  nicht
nur  das  Treiben  der  anläßlich  der  Wreschener  Vorgänge  im
Auslande  und  zum  Teil  auch  diesseits  der  Grenze  verbreiteten
polnischen  Flugblätter,  welche  zum  Boykott  deutscher  Waren  auffordern;
  sondern  es  warnt  auch  davor,  die  deutschen  Katholiken
nicht  zu  sehr  zu  reizen,  da  deren  Sympathien  nach  ihrem  Empfinden
  für  die  Polen  nicht  so  stark  seien,  daß  sie  jede  Heranus-