Öerreichische Indiskretionen über die Unterredung mit Karolui- 35
*20. Erlaß an den Gesandten in Wien Freiherrn von Werther.
[Kanzleikon zept.]
Die Bismarckschen Erössaungen vom 4. und 13. Dezember an Graf Karolpyi (ogl. Nr. 14)
waren von dem Leiter der ölterreichischen Außenpolitik Graf Rechberg nichts weniger als
freundlich aufgenommen worden. Namentlich die Ankündigung, daß die preuhßische Regierung
die Verfolgung des österreichischen Delegationsprojekts am Bundestage, wenn sie zu einer
Mesorilierung Preußens führe, mit der Abberufung ihres Bundestagsgesandten beantworten
werde, chokierte den österreichischen Staatsmann aufs höchste. Seine Auherungon gegenüber
Greiherrn von Werther, der ihm am 15. Dezember die Bismarcksche Depesche vom 13. auftrag-
mähßig vorlaos, waren voll Bitterkeit, sie ließen nach Wertbers Bericht vom 16. nicht das
Mindeste von einer Aeigung, in der Delegationsfrage einzulenken, merken. Fremden Diplomaten
äuherte sich Graf Aechberg in schärffter Weise über den „Cavourismus“ Bismarcks. Er machte
aus jeinen Espfindungen so wenig ein Hebl, daß alsbald indiskrete Enthüllungen in in- und
ausländischen Blättern erschienen, die wieder Bismarck Anlaßh zu lebbafter Klage gaben.
Berlin, den 4. Januar 1863.
Sch hatte mir vorbehalten, im Anschluß an meine vertraulichen Cröffnungen vom
13. v. M. einen amtlichen Erlaß äbnlichen Inhalts in einer zur Mitteilung an den
Grafen Aechberg geeigneten Sorm an Ew. pp. zu richten.
Vachdem ich aus den öffentlichen Blättern ersehen habe, daß meine vertraulichen
Besprechungen mit dem Grafen Karolpi zu Veröffentlichungen benutzt worden sind, deren
Inhalt einer Annäherung Preußens und Österreichs entgegenmwirken bestimmt scheint,
muß ich auf jenes Vorbaben versichten.
Der „AMürnberger Korrespondent“ enthält unter anderm ein ziemlich genaues, wenn
auch tendenziös gefärbtes Resumk meiner vertraulichen Außerungen gegen den Grafen
Karolpi. Ebenso findet sich in dem „Courrier du Dimanche“ und in „La France“ der
Beweis, daß die von mir gemachten Eröffnungen dem franzjösischen Kabinette oder dessen
Organen mitgeteilt worden sind.
Ich habe mich gegen den Grafen Karolupi mit dem vollen Vertrauen und mit der
Offenbeit ausgesprochen, welche mir von dem aufrichtigen Verlangen, unsere Besiehungen
zu dem Kaiserlichen Kabinette zu verbessern, eingegeben wurden. Dieser Zweck brachte es
mit sich, daß ich die Mängel und Schäden unseres Verhältnisses zu Osterreich und unsere
Beschwerden über die Politik des Kaiserhofes rückhaltlos berührte. Graf Karoly selbst
aber kann mir das Zeugnis nicht versagen, daß dies nach Sorm und Sache in einer Weise
gescheben ist, welche über mein Streben nach einer gründlichen und dauernden Verständi-
gung der beiden deutschen Großmächte keinen Gweifel lassen konnte. Wenn ich nun
erfahren muß, daß dieses Entgegenkommen von unserer Seite, weit entfernt, in Wien auf
ein ähnliches Bedürfnis der Annäberung m stoßen, lediglich dazu benutzt wird, um
fremden Kabinetten Mitteilungen über unsere Intentionen zufließen zu lalsen, und um ver-
trauliche Außerungen in einem uns feindlichen Sinne in der Presse zu verwerten, so konn
ich mir einen Erfolg des von mir gemachten Versuches nicht versprechen und muß auf
die Fortsetzung desselben verzichten.
Sw. pp. bitte ich, dem Grafen Rechberg biervon Mitteilung zu machen.
Nach früberen Vorgängen darf ich erwarten, daß in Wien die Wissenschaft von
jenen Veröffentlichungen in Abrede gestellt werden wird. Ew. pp. werden ermessen, was
1 Slebe Mr. 14.
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