Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

nicht  mehr  annehmen  wollen,  sondern  allen  Flehens
und  Fußfallens  ungeachtet  frei  herausgesagt:  Altona
  sollte  und  mußte  brennen.  Dazu  ist  noch  ein
anderer  Grund  gekommen,  indem  der  dänische  Kommandant
  erklärte,  er  habe  von  seinem  König  keine
Order  Brandschatzung  zu  geben;  darauf  der  Herr
General  Steinbock  gesagt,  nun  sollten  sie  gegen
Nachts  erfahren,  was  er  für  Order  hätte.  Also
ging  es  die  Nacht  vom  Sonntage  zum  Montage  an,
da  Altona  an  allen  Ecken  angesteckt  und  innerhalb
zwölf  Stunden  über  3—4000  Häuser  aufs  erschrecklichste
  in  die  Asche  gelegt  worden;  damit  Altona,
welches  Sodom  in  den  Lüsten,  Greueln  umd  Ungerechtigkeiten
  gleich  komme,  auch  gleiche  Strafe  mit
Sodom  erfahren  müsse  zu  einem  abscheulichen  Exempel
  und  göttlichen  Zornspiegel  aller  Menschen.

Wie  ging  es  aber  nun  mit  uns?  Das  soll  mein

lieber  Leser  auch  hören.  Gleichwie  wir  bei  der
Flucht  anderer  Menschen  nicht  einen  Zwirnsfaden

gerührt,  sondern  in  einfältigem  Vertrauen  auf  Gott
und  seinen  Schutz  es  gewagt  haben,  wenn  es  je  auf
ein  Plündern  los  gehen  sollte,  so  glaubten  wir,
daß  uns  nicht  mehr,  als  was  nützlich,  geschehen
bönnte.  Also  schliefen  wir  dieselbe  Nacht  ohne  alle
Sorge  bis  nach  12  Uhr.  Da  kommt  Freund
mit  seiner  Frau  und  seinen  Kindern  und  klopft  stürmend
  an  unser  Fenster  mit  ängstlichem  Geschrei,  ihm
aufzunachen;  denn  ganz  Altona  stünde  im  Feuer.
Worauf  wir  alle  aufstanden,  und  da  wir  dies  feurige
  Trauerspiel  mit  Erstaunen  gesehen,  mit  ihm
nach  seinem  Hause  liefen  und  seine  Sachen  zu  uns
schleppen  halfen.  Mittler  Zeit  kamen  noch  andere
bekannte  Leute  aus  dem  Feuer  zu  uns  gelaufen,
welche  gar  wenig  von  dem  Ihrigen  gerettet.  Wir
vereinigten  uns  im  Gebet  zu  Gott,  und  da  wir  leider
  sahen,  daß  auch  schon  um  uns  herum  die  nächsten
  Häuser  in  vollen  Flammen  standen,  hielten  wir
noch  brünstiger  an.  Da  denn  im  Gebet  meine  Seele
eine  rechte  Freudigkeit  empfand,  womit  ich  auch  die
andern  tröstete  und  göttlicher  Hilfe  versicherte,  kam
mir  der  Gedanke,  was  Gott  vor  Alters  her  getan,
und  ob  wir  auch  unwürdig  wären,  würde  er  doch
den  schwachen  Funken  des  Glaubens  und  Vertrauens
  nicht  zu  schanden  machen;  sondern  seinen
Namen  bei  seinen  Kindern  und  wider  der  Welt  Unglauben
  verherrlichen.

Indessen  machten  wir  uns  fertig,  auch  davon  zu
gehen  mit  den  Kinderchen,  wo  sie  das  Unserige  ja
ansteckenn  sollten;  denn  wir  hatten  alles  Goltes  Willen
  übergeben,  wissend,  daß  wir  nackend  vom  Mutterleibe
  kommen  und  also  wieder  davon  müßten:
doch  blieb  mein  schwaches  Vertrauen  noch  fest.  Darum
  als  die  Brenner  endlich  ankamen  und  alles  voll
Angst  und  Schrecken  ward,  ging  ich  ihnen  mit  Freudigkeit
  entgegen,  und  kaum  hatte  ich  mit  ihnen  zu
reden  angefangen,  da  wurden  diese  Soldaten  zu
zahmen  Lämmern,  zogen  ihre  Hüte  vor  mir  armen
Kreatur  ab  und  der  eine  warf  die  Pochhacken  aus
der  Hand  so  weit  er  konnte.  Ja,  da  meine  Magd
aus  Augst  die  Betten  von  oben  herunterwarf,  rede-Unser

  Dommerland

41

ten  sie  zu,  man  solle  nur  alles  darinnen  lassen,  sie
würden  unser  Haus  nicht  anrühren;  sie  sollten  wohl
ein  Trinkgeld  haben,  aber  von  uns  begehrten  sie
nichts.  Nur  möchte  ich  mit  ihrem  Kapitän,  der  vor
der  Pforte  hielt,  reden,  damit  sie  keine  Verantwortung
  hätten;  denn  sie  wären  alles  anzustecken  kommandiert.
  Ja,  sie  gingen  gleich  vom  Hause  weg
und  zeigten  mir  den  Kapitän,  dessen  Herz  alsofort
gerührt  ward,  und  billigte  der  Soldaten  ihr  Verschonen
  Wir  fielen  hierauf  sämtlich  auf  unsere  Knie
und  zerflossen  fast  von  Tränen  aus  Dankbarkeit  gegen
  unsern  ewigen  Erretter.  Es  kamen  darauf  noch
ein  paar  Soldaten,  die  auch  ganz  zahm  wieder  weggingen.
  Aber  damit  wars  noch  nicht  aus,  noch
wollte  der  Herr  unser  Vertrauen  prüfen,  und  diese
letzte  und  dritte  Probe  war  die  heftigste  und  empfindlichste.
  Denn  kaum  eine  Stunde  hernach  kamen
von  einem  andern  Kapitän  Auskommandierte  und
drangen  ins  Haus  mit  Feuer  und  bloßen  Degen.
Ich  redete  ihnen  zu.  Aber  diese  Gesellen,  die  Lust
zu  plündern  gehabt,  gaben  mir  zur  Antwort,  sie
müßten  plündern;  blieben  aber  dann  im  Hause  bestürzt
  stehen  und  haben  keine  Hand  an  etwas  gelegt.
  Diese  nun  sagten,  ihre  Order  wiäre,  anzustecken;
  wo  ich  von  ihrem  Kapitän  nicht  andere  Order
  brächte,  könnten  sie  nicht  helfen.  Der  Kapitän
hielt  hinter  einem  grausamen  Feuer  und  der  Nauch
war  schon  wie  die  dickste  Finsternis.  Ich  stieg  über
zwei  Planken,  sah  aber  noch  keinen  Kapitän;  fragte
einige  Soldaten,  die  hinter  das  Feuer  liefen,  wo
er  hielt.  Ich  fragte,  wie  da  durchzukommen  wöäre,
da  möchte  ich  zusehen,  war  die  Antwort;  num  wagte
ich  es  auf  Gokt,  lief  ins  Feuer  und  fielen  mir  zu
beiden  Seiten  die  brennenden  Balken  herunter.  Ich
kam  unversehrt  hindurch  und  traf  auch  den  Kapitän
an,  dem  ich  freundlich  remonstrierte,  daß  wir
Fremdlinge  allhier  wären,  die  im  Exil  lebten  und
hätten  mit  niemanden  etwas  zu  tun.  Aber  die  Antwort

  des  Kapitäns  war  hart:  Der  Henker  möchte
wissen,  wer  wir  wären  und  das  Haus  einem  andern

  gehöre,  so  würde  nur  dem  damit  gedienet,  dem
das  Haus  zustünde.

Kaum  aber  waren  diese  Worte  heraus,  so  war
sein  Herz  gleich  anders  gerührt,  und  er  ritt  in
einem  weiten  Umweg  und  rief  die  Brenmer  davon
ab,  welchen  unterweilen  fast  die  Zeit  zu  lang  werden
  wollen,  gingen  aber  darauf  mit  der  größten
Freudigkeit  davon;  und  also  saßen  wir  mitten  im
Feuer,  welches  auf  allen  Seiten  um  unser  Haus
herum  brannte;  aber  die  Flammen  haben  uns  nicht
ergreisen  dürfen.

Nun  wissen  wir  wahrhaftig,  daß  der  Herr  ein

lebendiger  Gott  ist  und  hilft  allen,  die  ihm  vertrauen.
  Er  tut  große  Wunder  und  hält  fest  an
seiner  Zusage.  Jesatas  Kap.  43  da  er  spricht:

Fürchte  Dich  nicht;  denn  ich  habe  Dich  erlöset.  Ich
habe  Dich  bei  Deinem  Namen  gerufen,  Du  bist
mein.  Denn  so  Du  durchs  Wasser  gehest,  will  ich
bei  Dir  sein,  daß  Dich  die  Ströme  nicht  sollen  ersäufen.
  Und  so  Du  ins  Feuer  gehst,  sollst  Du