180 Hans Delbrück
abscheut den Zwang, den die allgemeine Wehrpflicht aunsübt, und den
militärischen Geist, mit dem der Durchgang durch die militärische Erziehung
das ganze Volk erfüllt. Von hier ist deshalb der Vorwurf des
„Militarismus“ ausgegangen, der sich gegen Deutschland und speziell
gegen Preußen richtet, weil hier die Institution zuerst geschaffen und
von den anderen nur nachgeahmt worden ist. Ist aber ein Söldnerheer
in jeder Beziehung weniger militärisch als ein Volksheer? Gerade in
einer englischen Zeitung (Morning-Post) las ich neulich, daß das Wesen
des Militarismus in dem Mißbrauch der militärischen Macht für ehrgeizige
Zwecke bestehe. Das englische Volk hat vermöge seiner Söldnerarmee
und seiner riesigen Flotte über 350 Millionen Menschen, fast
den vierten Teil aller Bewohner des Erdballs, unterjocht und übt die
Oberherrschaft über alle Meere der Welt. Mit einem Volksheer wäre
das niemals zu erreichen gewesen. Geradc deshalb, hat der General
Jan Hamilton in seiner Schrift „Compulsory service“ (1911) ausgeführt,
dürfe England die allgemeine Wehrpflicht nicht einführen, weil
die Rekrutierung für das Kolonialheer, das Englands Weltherrschaft
aufrechterhalte, dadurch zu sehr eingeschränkt werden würde und das
Volksheer für diese Aufgabe nicht brauchbar sei. In demselben Sinne
hat sich in einer Broschüre „Die maritime und militärische Lage der
britischen Inseln“ Lord Esher, der Freund König Eduards VII., ausgesprochen:
„Das englische Bolk“, sagt er darin, „ist kriegerisch und angriffslustig;
eshat seit Jahrhunderten dauernd gefochten. Bis vor kurzem.
war es schwer, nur ein einziges Jahr zu finden, in dem England nicht
irgendwo auf der Welt Krieg geführt hat.“ Man solle deshalb nicht
von Reichsverteidigung (Imperial Defence), sondern von Reichsangriff
(Imperial Offence) sprechen. Ein Volksheer paßt dazu nicht. In der
Tat haben alle Staaten, die große Kolonialreiche erworben haben, dazu
stets besondere geworbene Truppen verwandt es sei denn Rußland (das
aber vermöge der niedrigen Kulturstufe, der beschränkten Aushebung
und der langen Oienstzeit dem Wesen eines Söldnerheers etwas näher
steht als Deutschland und Frankreich) und neuerdings Italien bei dem
Feldzug nach Tripolis. Der englische Militarismus ist also für Mißbrauch
der Gewalt sehr viel geeigneter als der festländische, und welchen
Geist eine solche Kolonialarmee auch in den Offizieren heranzieht, darüber
möge man in der „Geschichte unserer Zeit“ aus der Feder des englischen
Parlamentariers Justin Mac Carthy die Aiederwerfung des
indischen Aufstandes nachlesen. Das ganze Geschlecht der Aachkommen
des großen Königs Baber, 23 Prinzen, wurden ausgerottet; 3 Prinzen
ermordete der Leutnant Hodson eigenhändig, als er sie unter den Gefan-