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Minder bedeutsam als dic sozialen und die konfessionellen Gegen-
sätze sind in unserem Parteileben die nationalen, die mit gewissen Ab-
normitäten unserer Volks= und Staatsgeschichte zusammenhängen. Das
Oeutsche Reich ist ein Nationalstaat von eigenartigem Charakter: seine
Grenzen decken sich nicht mit denen des deutschen Volkstums und des
deutschen Sprachgebiets; sie bleiben an vielen Stellen weit dahinter
zurück, an anderen greifen sie etwas darüber hinaus. Das große zu-
sammenhängende deutsche Volks= und Sprachgebiet, wie es im Mittel-
alter, zur Zeit des alten Reiches bestand, noch ohne das Bindemittel
einer gemeinsamen Schriftsprache, hat schon im 16. Jahrhundert wich-
tige Anßenglieder verloren, weil die zentrifugalen Tendenzen, die aus
den politischen Weltverhältnissen entsprangen, stärker waren als die
zusammenhaltende Kraft des geschwächten und zersplitterten Neiches:
im Südwesten sonderten sich die Schweizer ab, die sich mit romanischen
BVolkselementen zu einem Staatswesen von kräftiger Sonderart ver-
bunden haben, die aber neben ihrem alemannischen Oialekt die deutsche
Schriftsprache gebrauchen und mit dem deutschen Geistesleben in einem
beständigen Zusammenhang geblieben sind, an Zahl heute über 2,6 Mil-
lionen; im Aordwesten die Aiederländer von friesischem und fränki-
schem Stamm, die mit einem eigenen Staatswesen auch eine besondere
Schriftsprache ausgebildet haben und sich als ein besonderes Volk füh-
len, heute über 6,2 Millionen in den protestantischen Aiederlanden,
denen noch fast A Millionen katholischer Vlaemen in Belgien zur Seite
zu stellen sind. Handelt es sich hier um einen Verlust durch Abgliede-
rung von Grenzgebieten, so sind andererseits Millionen von Oeutschen
dem Vaterlande verlorengegangen durch weitausgreifende Koloni-
sationen früherer Zeiten und insbesondere durch die massenhafte Aus-
wanderung des letzten Jahrhunderts: sie sitzen in Siebenbürgen und in
Ungarn, in Rußland und vor allem in den Vereinigten Staaten, die
im Laufe des 19. Jahrhunderts eine nach vielen Millionen zählende
deutsche Einwanderung und damit einen wertvollen Einschlag deutschen
Blutes in den Aufban ihres nationalen Körpers aufgenommen haben.
ODie Begründung des Oeutschen NReiches und der große wirtschaft-
liche Aufschwung, der damit verbunden war, hat diese krankhaft ge-
steigerte Auswanderungsbewegung allmählich zum Stillstand gebracht;
aber die politische Wiedergeburt Oeutschlands ist nicht ohne eine neue,
ganz besonders starke und bedeutsame Einbuße an deutschem Volks-
gebiet möglich gewesen: die Deutschen Österreichs, die in unmittelbarer
Nachbarschaft der Bruderstämme leben, blieben von den Grenzen des
Reiches ausgeschlossen; es sind heute gegen 10 Millionen, die in