Deutschland und das Weltstaatensysten 23
punkt. Die Oberfläche der Erde ist durch die gewaltige Steigerung des
Bölkerverkehrs zu einem zusammenhängenden wirtschaftlichen und poli—
tischen Ganzen geworden. Ein Weltstaatensystem ist in der Bildung
begriffen. Alle großen Mächte haben heute übersceische Interessen wie
England und sind in mehr oder minder scharfe Konkurrenz mit ihm ge-
raten oder haben sich nach seinen Interessen einrichten müssen. Zu den
sechs europäischen Großmächten sind die nordamerikanische Union und
Japan hinzugetreten. Wic im siebzehnten Fahrhundert die europäischen
Mächte beginnen heute die Weltmächte sich zu gruppieren und ihre
Macht-- und Interessensphären gegenseitig abzugrenzen. Wie damals
im Zcitalter des Merkantilismus spielt auch heute wieder der wirt-
schaftliche Abschluß der Staaten gegeneinander, das Bestreben, größerc,
sich selbst genügende Wirtschaftsgebiete zu schaffen, cine NRolle; nicht
mit Unrecht hat man von einem Acumerkantilismus gesprochen. Der
Geist der wirtschaftlichen Konkurrenz und der politischen Rivalität ist
von neuem zu einer Stärke erwacht, wie sie die Welt lange nicht gesehen
hat; derselbe Wettkampf, der im siebzehnten und achtzehnten Jahrhun-
dert die Auslese der europäischen Großmächtc hervorbrachte, wird heute
um die Frage geführt, welches die Weltmächte in dem zukünftigen pla-
netarischen Staatensystem sein werden. Dabei tritt aber jetzt die Tatsache
der britischen Seeherrschaft in einer ganz anderen Bedeutung als früher
hervor. Früher bildete England als Sec= und Kolonialmacht gewisser-
maßen ein Außenglied des enropäischen Staatensystems, das weit über
dessen Bereich hinausgriff; es führte ein doppeltes Dasein, einmal als
europäische Macht, und zugleich als Weltmacht. Jetzt ist es mit dem
ganzen Umfang seiner Ausdehnung und seiner Interessen ein inte-
grierender Bestandteil des neuen größeren Staatensystems geworden.
und in diesem neuen Rahmen würde die Aufrechterhaltung und Gel-
tendmachung seines Anspruches auf die Alleinherrschaft zur Sec nichts
Geringeres bedenten als die Weltherrschaft schlechthin. Das Wort Sir
Walter Naleighs: „Wer die See beherrscht, der beherrscht die Welt“
ist erst heute zur vollen Wahrheit geworden. Das Weltmeer, das im
Zeitalter der ausgebildeten Dampfschiffahrt, der Kabelnetze und der
drahtlosen Telegraphic eine große Einheit bildet, ist heute wirklich, wie
es Friedrich List voraussah, die „Hochstraße des Bölkerverkehrs“ ge-
worden. Wer dieses Element beherrschen will, der handelt so, als ob er
den Einwohnern einer Stadt sagte: „In euren Häusern mögtihr tun, was
ihr wollt; aber sobald ihr auf die Straße tretet, müßt ihr euch nach mei-
nen Vorschriften und Interessen richten.“
Damit erhebt sich das große Problem der Zukunft: wird in dem