Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

76  Ernst  Troeltsch

 

deutsche  Landwirtschaft  ernährt  die  Nation  im  Kriege,  der  dentsche  Bauer
stellt  ein  treffliches  Soldatenmaterial,  und  der  herrschaftsgewohnte
Großgrundbesitzer  stellt  dem  Offizierskorps  einen  wesentlichen  Bestandteil.
  Wir  sind  kein  Rentnervolk  wic  dic  Franzosen,  keine  bäuerlich-militärisch-burcankratische
  Eroberungsmacht  wic  die  Russen,  kein  reincs  Industric=
  und  Handelsvolk  wic  die  Engländer,  denen  die  Flotte  das  Bollwerk
  ihres  Luxus  ist,  und  die  ihre  jüngeren  Söhne  in  den  Amtern
der  Kolonien  ernähren.  Wir  sind  ein  immer  noch  streng  angespanntes
  Arbeitsvolk,  das  alle  Künste  der  Organisation,  der  Ordnung  und
Berechnung,  abcr  auch  alle  politische  Kraft  und  Geschlossenheit  für  die  Ernahrung
  seiner  steigenden  Millionen  verwenden  muß.  Gerade  diesem
Amstande  verdanken  wir  ja  auch  vor  allem  den  Krieg,  da  unsere  Arbeit  und
Bevölkerungsvermehrung  die  ozcanische  Politik  und  diese  den  Zusammenstoß
  mit  dem  den  Ozean  allein  beherrschenden  England  zur  Jolge
hatte.  Diesem  Umstandc  verdanken  wir  auch,  weit  mehr  als  den  deutschen
  Ideen  und  Theorien,  die  große  Unbeliebtheit.  Unserc  Mittelklassen
  müssen  als  Erwerbende,  als  Kommis,  Friscurc,  Monteure,
Lehrer,  Werkführer  und  Vorarbeiter  in  die  Welt  und  werden  da  natürlich
  als  unangenehme  Konkurrenz  empfunden.  Bedentender  noch  ist
der  Umstand,  daß  unsere  Industric  zum  größeren  Teil  als  Qualitäts=  und
Fertigindustric  arbeiten  muß  und  daher  ihre  Erzengnisse  nicht  wie  dic  der
Rohstoffländer  oder  Halbfabrikatindustric  vom  klaren  Bedürfnis  willkommen
  geheißen  werden,  sondern  oft  geung  gegen  heimische  Jertigindnstrien
  sich  den  Absatz  erst  erkämpfen  müssen.  Damit  hängen  dann  auch  oft
Geschäftsgebräuche  zusammen,  die  dem  altgewohnten  kaufmännischen
Verkehr  älterer  Wirtschaftsländer  unangenehm  sind.  Das  liegt  nun  freilich
  nicht  am  deutschen  Geiste,  sondern  an  der  deutschen  wirtschaftlichen
Lagc.  Aber  auf  dieser  Grundlage  lassen  sich  dann  leicht  generalisierende
Abneigungen  gegen  den  deutschen  Geist  planmäßig  erzeugen,  wic  wir
das  jetzt  erleben.  1)

Alles  das,  Monarchie,  Heexr,  Schule,  Verwaltung  und  Wirtschaft,
beruht  auf  einem  außergewöhnlichen  Ordnungssinn,  verbunden  mit
strenger  Disziplin  und  ernstem  Pflichtgefühl.  Damit  kommen  wir  schon
mchr  in  das  Innere  des  deutschen  Menschen.  Woher  dieser  Zug  stammt,
ob  aus  ursprünglicher  Anlage  oder  aus  geschichtlicher  Erziehung,  das  ist
schwer  zu  sagen.  Es  ist  aber  auch  gleichgültig;  genng,  daß  es  so  ist.  In

17)  Hierzu  s.  den  Abschnitt  „Deutschlands  Stellung  in  der  Weltwirtschaft“
und  den  Aufsatz  des  Technikers  Felir  Stahl  „Der  Warenaustausch  als  QLuelle
des  Hasses  der  Völker  gegen  die  Deutschen“,  Preußische  Jahrbücher  1915,  Februar.