Der Geist der deutschen Kultur 79
In Wahrheit besteht nun aber dieser ganze Gegensatz des Ordnungssinnes
und des Gemütes überhaupt gar nicht mit der Schärfc, die er nur
scheinbar und äußerlich aufzeigt. Denn diese beiden Richtungen haben
einen gemeinsamen Quellpunkt, von dem sic ausgehen und in dem sie
einc innere Einheit bilden: das ist der deutsche metaphysisch-religiöse
Geist. Jener Ordnungssinn ist bei uns nicht begründet aus seiner Rützlichkeit
für materielle und soziale Zwecke, sonderun fließt zusammen mit
dem Pflichtgefühl aus einem Idcalbild vom Wesen des Geistes, der
Ordnung und Gesetz ist im Menschenleben wic im Universum. Und
jenes Gefühl ist nicht eine die Härten des Lebens umrankende oder verkleidende
oder kompensierende Sentimentalität, sondern der Ausfluß
eines losmischen Grundgefühls, das den Weltgrund diesem Gefühl
verwandt weiß. Der Dentsche ist Metaphysiker und Grübler von Aatur,
der Welt und Dinge, Menschen und Schicksal von innen her, aus
der geistigen Innerlichkeit des Universums, zu verstehen strebt. Es wird
stets vergeblich sein, die Entstehung und Ourchsetzung dieses beherrschenden,
wenn auch nicht zu sehr zu verallgemeinernden Charakterzuges zu
erklären. Er ist unn einmal das letzte Lebensgeheimnis der Deutschen, in
ihrer cigenen Mitte viel umstritten, die Ursache unermeßlicher Opfer
und Leiden, die Kraft wunderbarster Leistungen und das Problem einer
immer neuen Ausgleichung mit dem praktischen Leben und seinen realistischen
Forderungen.
Er geigt sich vor allem in der Bedentung des religiösen Lebens innerhalb
der deutschen Geschichte. Das spätmittelalterliche deutsche Bürgertum
war dic erste volle Verwirklichung des Christentums in den
für ein tätiges Volk möglichen Grenzen. Aus seinem Scheß ist die Reformation
und Kirchenspaltung hervorgegangen, die das Schicksal des
modernen Europa bestimmt, in ihren Folgen den deutschen Einheitsstaat
aufgelöst und in Dentschland danernd das öffentliche Leben der Einzelstaaten
mit den religiösen Organisationen verknüpft hat. Bei der geistigen
Wiedererhebung der Nation im 18. Jahrhundert war dann die Anseinandersetzung
des modernen Geistes mit dem Christentum, die Schaffung
einer wissenschaftlichen und kritischen Theologie, die Aberführung
der christlichen Idcce in einc religiös vertiefte Oumanität dic eigentliche
große Lebensaufgabe. Diese Aufgabe steht bis heute im Mittelpunkt
der deutschen Interessen. Aber daneben habern sich dic alten traditionellen
Kirchen lebendig und eifrig behauptet und werden auch von viclen
millions who form and ultimately determinc the lise of cach nation ankommt,
wissen auch die Männer von The War and Democracy S. 220, die meisten andern
aber nicht.