Der Geist der deutschen Kultur ·· 89
schaftüberalleingesetzthat,wirdanchinDeutschlandnochwcitcrsich
entwickeln und mit den militärischen und politischen Notwendigkeiten
sich auszugleichen wissen. Das folgt, wie überall, so auch bei uns aus
der Lage der modernen Völker. Aber dabei wird unsere Freiheit immer
eine andere sein als die der westlichen Nationen. Die Parlamente sind
notwendig, aber in unseren Augen nicht das Wesen der Freiheit. Die
Wahlrechte und die Mitarbeit der Bölker an den Regierungen erziehen
zu politischer Reife; aber auch diese ist nicht die Freiheit, die wir mei-
nen. Die deutsche Freiheit wird nic eine rein politische sein, sie wird
immer mit dem idealistischen Pflichtgedanken und dem romantischen In-
dividnalitätsgedanken verbunden sein. Auch als politische wird sic das
Merkmal ihres wesentlich geistigen und kulturellen Ursprungs an sich
tragen, wie der Engländer das des puritanischen und der Franzose das
des revolutionären. Und vor allem wollen wir diese Freiheit uns selbst
erwerben und aufbauen und nicht vom Auslande schenken lassen, am we-
nigsten auf Grund einer Niiederlage, wic uns die feindliche Literatur so
oft tröstend in Anssicht stellt. Hier liegen vielmehr unsere eigensten Zu-
kunftsaufgaben. In einem siegreichen Deutschland soll die Freiheit der
Nation sich vollenden, und diese Freiheit wird eine deutsche sein, keine
französische und keine englische und erst recht keinc russische.25)
25) Die Verschiedenheit der Freiheitsbegriffe tritt in der Literatur deut-
lich hervor. Bei England steht der individualistische Puritanismus im Hinter-
grunde; s. The War and Democracy S. 92 f., bes. S. 372; „The statesmans task
is to enfold them in jurisdiction which will enable them to live the life of their
sOuls choice“; daraus soll sich the common Law ofthe world ergeben, das natür-
liche Recht der Individuen unter dem Schutz freier Institutionen, die England
kontrolliert. Den französischen Freiheitsbegriss macht man sich heute noch am
besten an Rousseaus Rationalismus und Sentimentalismus klar, der freilich
von NRousseaus normalem Kleinstaat mit der entscheidenden Urversammlung auf
den parlamentarischen Großstaat mit entscheidender Moajorität übertragen ist. Die
deutsche Freiheitsidee hat immer noch mit der Romantik und dem Individuali-
tätsbegriff zu tun, obwohl sie sich darin nicht erschöpft; das ist schon bei Fichte der
Fall, wie auch The War and Democracy S.f92 das bemerkt; ganz vorübergehend
ist dort auch eine Anthologie aus Paul de Lagarde als Beispiel erwähnt S. 79;
bier liegen in der Tat die Unterschiede, die tiefer gehen, als die englischen
Autoren bemerken. Sehr treffende Bemerkungen, besonders auch zu diesem
Punkte, enthält das Werk einer Frau J. A. R. Wylie, Eight Fears in Ger-
many, London 1913, auch deutsch „Mein deutsches Jahr“, Braunschweig 1914.
Außerdem s. über die deutsche Freiheitsidee v. Schulze-Gävernitz „Freie Mcere“
1915, S. 28—30 und Hermann Bahrs „Kriegssegen“ S. 39—12. Auch daran
ist zu erinnern, daß der Deutsche den Bildungsroman geschaffen hat und daran
das Wesen seines Romans hat, während England und Frankreich die Romane
der sozialen Kritik hervorgebracht haben. Wenn Nomain Nolland einen Bil-