156 I. 10. Der innere Ausbau des Reiches. Volkswirtschaftl. Entwickelung u. Gesetzgebung.
und Bestellungen für die in Altdeutschland überall geplanten neuen Bahnlinien in
der Ausdehnung von Tausenden von Meilen. Und allen diesen Unternehmungen
winkte sofortiger sicherer Lohn — ein Anteil an dem Milliardensegen.
Gesund und naturgemäß war diese fröhliche Wiederbelebung des alten deutschen
Wagemutes, aber er hielt sich leider nicht lange in gesunden und natürlichen Grenzen.
War anfangs die deutsche Industrie kamn im stande gewesen, Rohstofse und Arbeitskräfte
in genügender Menge zu beschaffen, um die Bestellungen der Negierungen und
Privaten in den ersten Jubelmonden der Milliardenzeit innerhalb kurzer Lieferfristen
zu bewältigen, so lockte nun der reiche Verdienst, der jenen zu teil wurde, und die im
Milliardenrausch erzeugte Vorstellung, daß die Konsumtions= und Kaufkraft der dentschen
Regierungen und des deutschen Volkes über alle Grenzen hinausgewachsen sei,
zur verderblichsten Uberproduktion. Auf allen Gebieten der Industrie, des Gewerbes,
des Handels sand das Dogma von dem unbegrenzten Bedarf Gläubige in hellen
Haufen. Neue Fabriken, neue Handelsgeschäfte, neue Banken wurden überall massenhaft
gegründet. Der Zudrang der Landarbeiter in die Städte, das „wasserkopfartige“
Auschwellen der Bevölkerung der Großstädte durch besitzlose, unstete Massen nahm
einen bennruhigenden Umfang an. Die Landwirtschaft konnte für ihre dringendsten
und notwendigsten Arbeiten kaum noch die nötigen Hände auftreiben. Und in den
Großstädten und Fabrikzentren trat eine Verrohung und Cntsittlichung weiter Kreise
zu Tage, welche schließlich, wie wir fahen, zu einer Verschärfung des Strafsgesetzbuches
nötigte. Zugleich machte sich in den Großstädten eine geradezu unerschwingliche Erhöhung
der Mietpreise und eine fürchterliche Wohnungsnot geltend.
Die trübseligste Erscheinung dieser Tage aber ist das Gründernuwesen und die
durch dasselbe heraufgeführte Schwindelperiode. Wie die Uberproduktion jener
Jahre der falschen Vorstellung entsprang, daß der Bedarf, die Kanstrast und Kanflust
unbegrenzt seien, daß der Anreiz zum Kaufe einer Ware sich sofort bei deren Erzeugung,
bei deren Anblick einstellen werde und müsse, so fußte das Gründungsunwesen auf der
thörichten Einbildung, daß jedes Untermehmen um so mehr Gewinn abwerfen müsse, als
Kapital darin arbeite, und daß daher die Form der Aktiengesellschaft, welche die Beschaffung
größter Kapitalmassen am leichtesten macht, auch die gewinnbringendste Idealform
aller bedeutenden Industrie-, Bank= und Handelsunternehmungen sei. So wurden
denn unzählige tüchtige Privatunternehmungen, welche unter der geschickten, ersahrenen
Leitung von Männern, die mit diesem Unternehmen und dessen Gedeihen
durch ein arbeitsvolles Mannesleben und durch vollberechtigten Eigenmut verwachsen
waren, plötzlich in Aktiengesellschaften „umgegründet“ und gerieten dadurch in die
Hände einer höchst kostspieligen, unerfahrenen und an dem Gedeihen und Verderb des
Unternehmens fast interesselosen vielköpsigen Verwaltung, welche das Geschäft bald an
den Rand des Verderbens brachte. Das deutsche Volk hat das Lehrgeld für diesen
Trugschluß mit Milliarden bezahlen müssen. Aber dennoch war dieser Trugschluß noch
bei weitem nicht die schlimmste Erscheinung der Gründerperiode. Wer selbst an diesem
Wahnglauben von der alleinseligmachenden Aktiengesellschaft hing und dafür sein
eignes Geld zu Markte trug oder andere dafür zu bekehren suchte, der handelte