Volltext : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Rückkehr  Benedettis  aus  Wien.  631

geben,  um  Gebietsabtretungen  und  sogar  mittelst  ständischer  Wünsche  völlige
Einverleibungen  herbeizuführen.

Der  vom  Grafen  Goltz  vorgeschlagene  Weg  war  sehr  prekär,  da
er  keine  Sicherheit  für  die  Erreichung  der  preußischen  Wünsche  bot,  ja
bei  Einbeziehung  der  norddeutschen  Staaten  die  nachträgliche  Forderung
  von  größeren  Gebietsabtretungen  sehr  erschweren,  die  volle  Annexion
  einiger  dieser  Staaten  aber  ausschließen  mußte.  Er  erschien  daher
auch  dem  König  und  Bismarck  nicht  gangbar;  vielmehr  wünschten  sie,  daß
Osterreich  für  sich  allein  abschließe  und  auf  jede  Einmischung  in  die  späteren
Friedensverhandlungen  mit  den  übrigen  deutschen  Staaten  unter  Anerkennung
der  von  Preußen  etwa  vorzunehmenden  Annexionen  von  vornherein  Verzicht
leiste.  Die  Frage  war  natürlich,  ob  Osterreich  sich  darauf  einlassen  werde.
Bisher  hatte  man  mehr  damit  gerechnet,  daß  Osterreich  die  sofortige  Einbeziehung
  aller  seiner  Verbündeten  in  den  Frieden  verlangen  werde,  was
natürlich  eine  genaue  Bezeichnung  der  von  jedem  einzelnen  Staate  zu  fordernden
  Gebietsabtretungen  zur  Voraussetzung  gehabt  hätte.  Der  Abschluß  eines
Separatfriedens  bot,  abgesehen  davon,  daß  jeder  weitere  Einfluß  Österreichs
auf  die  künftige  Regelung  der  norddeutschen  Verhältnisse  dadurch  ausgeschlossen
  wurde,  noch  den  großen  Vorteil,  daß  man  sich  über  die  Einzelheiten
der  geplanten  Gebietserweiterungen  völlig  freie  Hand  vorbehalten  konnte;
da  der  König  und  Bismarck  über  diese  Einzelheiten  offen  bar  unter  sich  noch
nicht  einig  waren,  war  dieser  Punkt  von  nicht  zu  unterschätzen  der  Bedeutung.

Vermutlich  hängt  dieser  neue  Entschluß,  der  am  18.  Juli  offenbar
noch  nicht  gefaßt  war,  mi  einem  anderen  Ereignis  zusammen,  nämlich
der  Rückkehr  Benedettis  aus  Wien.  Oer  französische  Botschafter  ist  entweder
  am  r8.  Juli  ganz  spät  abends  oder  am  19.  vormittags  in  Nikolsburg
  angekommen.:  Er  brachte  aus  Wien  die  Nachricht,  daß  Öster-1

  Ein  weiteres  Telegramm  des  Grafen  Goltz  vom  18.  Juli  ging  nach  Wien  inseriert  in
ein  Telegramm  des  französischen  Ministers  an  den  Herzog  von  Gramont  und  wurde  durch
einen  Sekretär  der  Wiener  französischen  Botschaft  in  der  Originalchiffre  in  der  Nacht  vom  19.
zum  20.  Juli  nach  Nikolsburg  gebracht.  Es  enthielt  nur  eine  zusammenfassende  Wiederholung
der  bisherigen  Mitteilungen  und  Ratschläge,  die  darin  gipfelten,  daß  Goltz  eine  bindende
Zusage  Napoleons  bezüglich  der  Annexionen  nicht  für  nötig  hielt,  sondern  die  einfache  Annahme
  der  Vorschläge  vom  14.  Juli  auch  als  Friedensgrundlage  empfahl;  jede  Verzögerung
und  namentlich  die  Berufung  auf  die  Notwendigkeit  italienischer  Zustimmung  errege  des
Kaisers  Mißtrauen.

:  Die  Angaben  über  den  Termin  seiner  Ankunft  schwanken  zwischen  dem  r8.  und  19.  Juli.
Die  Oaten  der  bei  Bapst,  Oeutsche  Revue  30  I.  227  zitierten  Telegramme  Benedettis
sind  sicher  verkehrt  und  schon  unter  sich  unvereinbar;  sie  müssen  wohl  auf  den  ro.  Juli  gesetzt
werden.  Am  Abend  des  18.  Juli  passierte  Benedetti  Lundenburg;  von  dort  meldete  Prinz
Friedrich  Karlo  Uhr  15  abends  seine  bevorstehende  Ankunftz;  er  bringe  Österreichs  Vorschläge:
Ausscheiden  aus  dem  Bund,  Preußen  freie  Hand  für  Norddeutschen  Bund,  dem  Süd-