Metadata : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1821. (12)

II.  Geistige  Bewegungen  und  kirchliche  Kämpie.  193

auseinander.  Die  Erregung  in  den  Rheinlanden  wuchs.  Alle
Katholiken  Deutschlands  sympathisierten  mit  ihnen,  besonders
demonstrativ  der  bayrische  Hof.  Von  München  aus  verherrlichte
Görres  Droste  als  einen  neuen  Athanasius  und  schmähte  Preußens
Beharren  und  sich  Verstocken  im  Unrecht,  das,  nach  allen  Seiten
nach  sophistischer  Beschönigung  greifend,  die  schuldige  Genugthuung
  weigere  und  dadurch  das  verletzte  Rechtsgefühl  immer
aufs  neue  reize  und  verletze;  höhnte  über  die  „rohen  und  ungeschlachten
  Ausbrüche  des  starren  Knochenmannes“,  dem  man
zu  viel  Ehre  anthue,  wenn  man  ihn  einen  Geist  nenne;  den
Ungeist,  das  böse  Gespenst,  das  im  preußischen  Staate  umgehe
und  Unheil  anrichte,  zur  Gewalt,  zum  Niedertreten  alter  Rechtsansprüche,
  zur  Beseitigung  aller  Konkordate  auffordere  und
sich  dabei  als  vernünftig,  freisinnig  und  versöhnlich  rühme.
Wie  wenig  aber  begriff  man  auf  evangelischer  Seite  die  Bedeutung
  des  Kölner  Kirchenstreites  für  die  Zukunft  des  modernen
Staates  und  der  modernen  Kultur!  Eigentlich  allein  Karl
Gutzkow  vertrat  diese  großen  Gesichtspunkte:  mit  stürmischer
Beredsamkeit  bekämpfte  er  Görres  in  der  Flugschrift  „Die
rote  Mütze  und  die  Kapuze“  (1838).  Weniger  dem  Geist  des
Protestantismus  und  der  norddeutschen  Eigentümlichkeit  gelte
jener  Angriff  als  allen  den  durch  schwere  historische  Geburten
gezeitigten  Resultaten  der  Gewissens-,  Denk=  und  Redefreiheit,
der  bürgerlichen  Rechtsgleichstellung,  staatsrechtlichen  Verpflichtungen
  und  Gewährleistungen,  der  Wissenschaft,  der  Kunst  und
der  Litteratur.  6

Solche  Gesichtspunkte  waren  der  Regierung  freilich  fremd,
zumal  die  Rücksicht  auf  einen  baldigen  Thronwechsel  manchem
Zurückhaltung  auferlegte.  Machte  der  Kronprinz  doch  kein  Hehl
daraus,  daß  er  das  Geschehene  mißbillige.  So  hatte  die  Kurie
gewonnenes  Spiel.  Nach  Drostes  billigen  Lorbeeren  lüstern,
sagten  sich  auch  die  Bischöfe  von  Münster  und  Paderborn  von
der  Vereinbarung  wegen  der  gemischten  Ehen  los.  Erzüischof
Dunin  von  Posen  verbot  seinem  Klerus  in  einem  Hirtenbrief
die  Einsegnung  von  solchen  ohne  das  Versprechen  katholischer
Kindererziehung  und  bedrohte  die  Geistlichen,  die  denselben  dem

Verbot  der  Regierung  gemäß  von  der  Kanzel  zu  verlesen  sich
Prutz,  Preußische  Geschichte.  IV.  13