Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

III.  Der  Konflikt.  381

Lippen  fließenden  Nede  im  Kampf  der  Meinungen,  sondern
auch  die  unvergleichliche  Menschenkenntnis  und  die  Meisterschaft,
womit  er  Schwächen  und  Stärken  von  Freund  und  Feind  der
von  ihm  verfochtenen  Sache  dienstbar  zu  machen  wußte.  Diese
stand  ihm  über  allem,  persönliche  Nücksichten  kamen  gegen  sie
niemals  auf.  Diese  unbeirrbare  Sachlichkeit  seines  politischen
Denkens  und  Handelns  erfüllte  ihn  mit  dem  sieghaften  Bewußtsein
  seines  guten  Rechtes  und  erklärt  jene  so  oft  fast  verblüffende
  Offenherzigkeit  der  Sprache  und  die  undiplomatische
Geradheit,  mit  der  er  auch  dem  Gegner  das  von  ihm  verfolgte
Ziel  keck  vor  Augen  stellte,  Eigenschaften,  durch  die  er  die  überlebte
  Kunst  der  alten  Diplomatenschule  zuweilen  spielend  entwaffnete
  und  kläglich  scheitern  machte.  Die  Vereinigung  dieser
Eigenschaften  erklärt  auch  den  Einfluß,  den  er  auf  seinen
König  übte,  ohne  dessen  Selbständigkeit  und  Herrscherverantwortlichkeit
  in  Frage  zu  stellen.  Seine  Treue,  seine  Offenheit,
seine  Sachlichkeit  gaben  diesem  die  beglückende  Gewähr,  gut
beraten  zu  sein.  Wohl  hat  König  Wilhelm  zuweilen  dem
kühnen  Gedankenflug  dieses  Beraters  nicht  gleich  folgen  können,
an  der  Richtigkeit  oder  gar  der  Gangbarkeit  des  von  ihm
gewiesenen  Weges  gezweifelt,  ja,  weniger  schnell  in  der  Erfassung
  einer  verwickelten  Lage  und  in  der  Abmessung  der
möglichen  Folgen  einer  zu  treffenden  Entscheidung,  demselben
lebhaft  widerstrebt  und  in  vereinzelten  Fällen  sich  mit  kaum
verhohlenem  Groll  seiner  überlegenen  Einsicht  gefügt:  immer
aber  hat  er  sich  schließlich  des  freimütigen  Beraters  Ansicht
angeeignet,  dessen  Handeln  durch  seine  Autorität  gedeckt  und
dadurch  erst  zu  voller  Wirkung  gesteigert.  Nie  hat  ein  preußischer
Minister  zu  seinem  Könige,  nie  überhaupt  ein  Minister  zu
einem  König  ähnlich  gestanden.  Das  Verhältnis  dieser  beiden
Männer  steht  einzig  da  in  der  Geschichte.  Durch  die  überlegene
  Natur  des  Ministers  wurden  die  zunächst  keineswegs  auf
das  Außerordentliche  gerichteten  Fähigkeiten  des  Königs  gleichsam
  vervielfältigt  und  er  über  das  ursprünglich  bescheidene
Maß  des  eigenen  Könnens  weit  hinausgehoben.  Die  rastlose,
vielseitige,  nicht  immer  den  geraden  Weg  einhaltende,  oft
sprunghafte  und  gelegentlich  gewaltsame  Thätigkeit  des  einen