IV. Von Jena nach Osterode. 395
zu bilden gedacht hatte, mit dem Trugbild nationaler Her—
stellung.
Wie matt klang dem gegenüber das langatmige Manifest,
durch das der König am 9. Oktober von Erfurt aus seinen
Unterthanen den Ausbruch des Krieges kundthat. Was es über
die Gewaltsamkeit und Perfidie der französischen Politik und
die Mißhandlung Deutschlands und Preußens sagte, war nur
zu richtig: wurde es damit aber nicht eine Anklageakte gegen
die preußische Politik? Wie hatte Preußen solchen Herausforderungen
gegenüber zehn Jahre hindurch unthätig bleiben,
sich immer wieder fügen können? Wenn Frankreich es mißhandelt
hatte — es war selbst daran schuld! Und dabei wollte
es berufen sein, den Frankreich noch nicht verfallenen Rest
Deutschlands unter sich zu einigen, und nahm alle Staaten,
die nicht zum Rheinbund gehörten, für seinen Nordbund in
Anspruch. Konnte da die fast revolutionär klingende Wendung:
„Vor allen Traktaten haben die Nationen ihr Recht“, ernst genommen
werden? Nicht bloß politisch und militärisch, auch
moralisch stand Preußen völlig isoliert.
Doch nicht da allein entsprang sein Verhängnis. Aber
ebensowenig soll man, wie nachmals geschehen, allein die Armee
dafür verantwortlich machen. Erst gepriesen als ein unfehlbares
Instrument, hat sie nachher nicht kläglich genug geschildert
werden können. Gewiß stand sie an Kriegserfahrung der französischen
nach: gering geschätzt aber wurde sie auch von dem
Gegner nicht. Noch Ende des Jahres 1805 nennt sie ein französischer
Beurteiler ein Muster an Regelmäßigkeit und Ordnung
dank ihrer klösterlichen Abgeschlossenheit, strengen Schulung,
Geduld und Bildsamkeit, Präzision der Manöver und ausgezeichneten
Verwaltung, und rühmt ihre Unteroffiziere und
Kriegskommissare als unübertroffen. Nur sei das alles
nicht erprobt in dem Ernst des Krieges, wo es auf den Geist
der Soldaten und das Genie der Generale ankomme, und
der angeborene Instinkt des Menschen mehr gelte als das
künstlich Angelernte. Da sei die preußische Armee in den
langen Friedensjahren zurückgegangen. Ihr fehle der Geist.
Der Geist einer Armee aber ist bedingt von dems Geist der