Full text : Unser Preußen.

3.  Die  innere  Festigung  durch  Friedrich  Wilhelm  I1.  95

weit  zurück;  ganze  Strecken,  namentlich  in  Preußen  und  Litauen,  lagen  infolge
der  Pest  und  der  Verheerungen  des  Nordischen  Krieges  (S.  103)  völlig
verödet;  in  Preußen  wohnten  auf  1  qkm  nur  zwölf  Menschen.  Das  Landvolk
  war  gänzlich  verroht,  lebte  von  der  widerlichsten  Nahrung,  baute  weder
Obst  noch  Gemüse;  der  deutsche  Pflug,  Wind=  und  Wassermühlen  waren  verschwunden,
  die  Wälder  voller  Wölfe.  Auch  der  Adel  war  gänzlich  verarmt;
in  den  Städten  fehlte  es  an  Handwerkern,  der  Handel  des  Ostens  lag  völlig
danieder;  die  einst  so  reichen  Königsberger  Kaufleute  besaßen  kein  Schiss
mehr.  Dazu  lastete  auf  dem  Lande  der  harte  Druck  der  ständischen  Steuerverwaltung.
  In  diesem  Punkte  griff  der  König  zunächst  ein,  indem  er  eine
nach  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens  gewissenhaft  festgesetzte  Hufensteuer  einführte.
  Viele  Adlige  erkannten  die  Notwendigkeit  und  Wohlthat  dieser  Maßregel
  auch  an;  als  aber  die  ostpreußischen  Stände  dem  Könige  Schwierigkeiten
machen  wollten,  schrieb  er:  „Ich  stabiliere  die  Souverainité  wie  ein
Rocher  de  Bronze.“  An  diesem  Bronzefelsen  der  staatlichen  Souveränität
zerschellten  die  angemaßten  ständischen  Vorrechte,  aber  der  kleine  Mann
atmete  auf.

Die  größte  Sorgfalt  wendete  der  König  den  Domänen  zu,  die  den
Bauern  als  Muster  dienen  sollten.  Er  erklärte  sie  in  hochherziger  Weise
sämtlich  für  Staatseigentum  und  bestimmte,  daß  sie  weder  geteilt,  noch  ein
Stück  von  denselben  veräußert  werden  dürfe;  die  in  Erbpacht  gegebenen
Güter  zog  er  wieder  ein  und  verpachtete  sie  nur  auf  sechs  Jahre.  Die
Pächter  sollten  genau  beaufsichtigt  werden,  „ob  in  die  Kuhställe  fleißig  Stroh
eingestreut,  ob  neben  den  Misthaufen  auch  Mistpfützen  angelegt  und  der  Mist
zu  gehöriger  Zeit  aufs  Feld  gefahren  würde".  Unablässig  war  der  König
bemüht,  die  Domänen  durch  Kauf  oder  Austrocknen  von  Sümpfen  zu  vergrößern,
  durch  bessere  Bewirtschaftung  zu  heben,  und  die  Musterwirtschaft  der
Domänen  wirkte  vorteilhaft  auf  die  Hebung  der  ganzen  Landwirtschaft  ein.
In  der  Nähe  von  Friesack  wurde  das  rhin=  und  havelländische  Luch  entwässert
  und  daselbst  eine  Musterwirtschaft  eingerichtet.  Auch  in  den  Warthebrüchen
  wurden  einige  Kolonien  angelegt;  als  die  Forstbeamten  nachher
klagten,  daß  infolgedessen  das  Wild,  namentlich  die  wilden  Schweine,  dort
sehr  abgenommen  hätte,  schrieb  der  König  auf  den  Rand  der  Beschwerde:
„Besser  Menschen  als  Schweine."“

Durch  die  Einführung  des  Hufenschosses  war  auch  die  Last  des  Bauern
etwas  erleichtert;  dennoch  war  seine  Lage  noch  traurig  genug.  Denn  er
war  —  namentlich  in  den  früher  slavischen  Gebieten  —  seinem  Gutsherrn
fast  leibeigen  geworden,  mußte  ihm  Hand=  und  Spanndienste  leisten,  so  daß
er  auf  seinem  eigenen  Acker  nur  morgens  früh  und  abends  spät  oder  wohl
gar  nur  am  Sonntag  arbeiten  konnte.  Dabei  durften  er  wie  auch  seine
Kinder  ohne  Erlaubnis  des  Herrn  weder  fortziehen,  noch  ein  Handwerk  ergreifen
  oder  eine  Ehe  schließen.  Auch  war  sein  Gutsherr  sein  Richter,  der
ihn  durch  Schläge  zur  Arbeit  antreiben  oder  vom  Hofe  jagen  durfte,  falls  er
diesen  anders  verwerten  wollte.  Auf  den  königlichen  Domänen  standen  die
Bauern  unter  den  oft  harten  königlichen  Beamten.  Schon  Friedrich  I.  hatte
vergeblich  versucht,  diese  „Erbunterthänigkeit“  aufzuheben.  Friedrich  Wilhelm