Full text : Unser Preußen.

110  Zweiter  Zeitraum.

mehr  lernte  er  dessen  unsterbliche  Verdienste  um  Preußen  schätzen.  Da  traf
ihn  im  Mai  1740  unerwartet  die  Nachricht  von  einer  schweren  Erkrankung
seines  Vaters.  Friedrich  Wilhelm  war  von  sehr  kräftigem  Körperbau;  aber
bei  seiner  rastlosen  Arbeit  wurden  seine  Kräfte  frühzeitig  verzehrt.  Gicht
und  Wassersucht  quälten  ihn;  aber  obschon  todkrank,  ließ  er  sich  in  einem
Rollstuhle  hinausfahren,  um  den  Bau  des  Marstalles  zu  besichtigen;  viel
Volks  umgab  ihn;  da  traf  der  schleunigst  herbeigeeilte  Kronprinz  ein  und
umarmte  seinen  Vater  unter  heftigem  Schluchzen.  Dankbaren  Herzens  rief
der  König:  „Thut  mir  Gott  nicht  viele  Gnade,  daß  er  mir  einen  so  würdigen
Sohn  zum  Nachfolger  gegeben  hat!“  Noch  einmal  versammelte  der  König
die  königlichen  Prinzen,  die  Minister  und  Generale,  um  in  ihrer  Gegenwart
dem  Kronprinzen  die  Regierung  zu  übergeben,  segnete  die  Seinen  und  beobachtete
  durch  Bewegung  der  einzelnen  Glieder,  wie  weit  der  Tod  schon
von  seinem  Leibe  Besitz  genommen  hatte.  Mit  dem  Gebet:  „Herr  Jesu,  du
bist  mein  Gewinn  im  Leben  und  im  Sterben“  entschlief  er.  „Er  starb,“
schrieb  später  Friedrich  der  Große,  „mit  der  Festigkeit  eines  Philosophen  und
mit  der  Ergebung  eines  Christen.  Er  bewahrte  eine  wunderbare  Geistesgegenwart
  bis  zum  letzten  Augenblicke  seines  Lebens,  indem  er  seine  Geschäfte
  leitete  wie  ein  Staatsmann,  die  Fortschritte  seiner  Krankheit  prüfte
wie  ein  Naturforscher  und  über  den  Tod  triumphierte  wie  ein  Held.  Diesem
Fürsten  verdankt  Preußen  die  Gründung  seines  Heeres  und  damit
  sein  ganzes  Ansehen.“  Friedrich  Wilhelm  hinterließ  seinem  Nachfolger
  einen  blühenden  Staat  von  2145  Quadratmeilen  mit  etwa  2  ½  Millionen
Einwohnern,  ein  schlagfertiges  Heer  von  83000  Mann  und  einen  Staatsschatz
  von  dreißig  Millionen  Mark;  außerdem  hatte  er  dreißig  Millionen  auf
die  Verbesserung  des  Landes  verwandt.  Mit  Recht  sagt  man  von  Friedrich
Wilhelm:  „Er  hat  ein  faules  Volk  fleißig,  ein  üppiges  sparsam,  einen  verschuldeten
  Staat  reich  gemacht.“  Er  ist  „Preußens  größter  innerer

König“.  -

4.  Erhebung  Preußens  zur  Großmacht  durch  Friedrich
den  Großen.

1.  Iriedrichs  Regierungsantritt  und  die  beiden  ersten
ZSchlesiscken  KRriege.  1740  -  1745.

Voller  Spannung  hatten  die  europäischen  Höfe  und  das  deutsche  Volk
dem  Thronwechsel  in  Preußen  entgegengesehen;  aber  fast  alle  wurden  ent—
tänscht,  am  meisten  diejenigen,  welche  erwartet  hatten,  Friedrich  werde  in
Ruhe  und  Frieden  ein  goldenes  Zeitalter  der  Kunst  und  Wissenschaft  herauf- 



*)  Das  Leben  und  die  Zeit  Friedrichs  des  Großen  werden  ausführlicher  be—
handelt  in  folgenden  Schriften  Oskar  Höckers:  Friedrich  der  Große.  Ein
Lebensbild  des  Heldenkönigs,  dem  Vaterland  und  der  deutschen  Jugend  gewidmet.
3.  Auflage,  ergänzt  durch  2  Anhänge:  Das  Heer  und  die  bedeutendsten  Generale.
Friedrichs  des  Großen.  —  Husarenkönig  und  Kürassiergeneral.  Kulturgeschichtliche
  Erzählung  aus  der  Zeit  des  „Alten  Fritz.“  4.  Auflage.  Leipzig,  Ferdinand
Hirt  &  Sohn.