Full text : Fürst Bismarck und der Bundesrat. Dritter Band. Der Bundesrat des Deutschen Reichs (1873-1878). (3)

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Wohnsitz  Zoblitz  erfuhr,  sagte  ich  zu  einem  Paar  gerade  anwesender  Nachbarn:
„Delbrück  geht  ab.“  Man  war  erstaunt  und  fragte,  weshalb?  Ich  antwortete,
es  sei  wohl  möglich,  daß  Delbrück  gegen  den  Verkauf  der  preußischen  Staatsbahnen
  an  sich  nichts  einzuwenden  habe,  aber  ich  wisse  aus  einem  Gespräch  mit
ihm,  daß  er  entschiedener  Gegner  des  Reichseisenbahnprojekts  sei;  er  könne  und
würde  also  nimmermehr  einen  dahinzielenden  Gesetzentwurf  im  Bundesrat  und
Reichstag  gegen  seine  bessere  Ueberzeugung  befürworten  und  durchsetzen.  Wenn
nun  der  Reichskanzler,  jedenfalls  gegen  die  Ansicht  Delbrücks,  im  Abgeordnetenhause
  einen  so  entscheidenden  Schritt  thue,  wie  die  Vorlegung  des  eingebrachten
Gesetzentwurfs,  so  bleibe  Delbrück  gar  nichts  anderes  übrig,  als  abzugehen.  Was
ich  erwartet,  trat  ein,  Delbrück  ging.“  1)

Scheinbar  im  Widerspruch  mit  dieser  Darstellung  Unruhs  stehen  die  Bemerkungen,
  welche  Bismarck  bei  den  Debatten  über  den  erwähnten  Gesetzentwurf
in  der  Sitzung  des  preußischen  Abgeordnetenhauses  vom  26.  April  1876  über
den  Abgang  Delbrücks  öffentlich  fallen  ließ.

Der  Abgeordnete  Richter-Hagen  hatte  gleich  bei  Eröffnung  der  Diskussion
geäußert,  die  erste  schlimme  Folge  des  Reichseisenbahnprojekts  sei  der  Abgang
des  Ministers  Delbrück.  Darauf  nahm  Bismarck  das  Wort  und  erklärte,  die
Annahme  des  Abgeordneten  Richter  sei  irrtümlich.  Es  sei  zwischen  dem  Minister
Delbrück  und  ihm  auch  nicht  ein  Schatten  von  einer  Meinungsvberschiedenheit
über  irgend  eine  der  schwebenden  Fragen  zu  Tage  getreten.

„Gewiß  wird  sich  schwerlich  jemand  beikommen  lassen,“  bemerkt  hierzu
v.  Unruh,  „den  Fürsten  Bismarck  der  Lüge  zu  zeihen.  Wenn  man  aber  aus  dem
Munde  des  Ministers  Delbrück  weiß,  daß  er  ein  entschiedener  Gegner  des  Reichseisenbahnprojekts
  ist,  so  springt  anscheinend  ein  Widerspruch  zwischen  dieser  Thatsache
  und  der  Rede  des  Fürsten  Bismarck  in  die  Augen,  der  sich  kaum  anders
auflösen  läßt  als  dadurch,  daß  man  bei  dieser  Rede  die  unzweifelhaft  wahren

1)  Schon  beinahe  zur  Legende  ist  folgende  Darstellung  geworden:  „Delbrück  hatte
dem  Reichskanzler  gegenüber  geäußert,  er  habe  große  Bedenken  gegen  das  Maybachsche
Reichseisenbahnprojekt,  welches  sich  auf  ein  Monopol  zuspitze.  Der  Fürst  nahm  das  mit
Lächeln  entgegen,  indem  er  bemerkte:  „Nun  ja,  das  kann  ich  mir  denken;  —  aber  Sie
können  sich  vollständig  beruhigen,  die  Sache  fällt  ja  nicht  in  Ihr  Ressort.“  Delbrück  ging
nach  Hause,  speiste  mit  seiner  Gemahlin  —  er  war  damals  erst  kurze  Zeit  verheiratet  —
in  bester  Laune  zu  Mittag,  und  dann  sagte  er:  „Mein  liebes  Kind,  nun  wollen  wir  gehen
und  uns  eine  Wohnung  aussuchen.“  „Wozu?“  meinte  Frau  Delbrück,  „wir  haben  ja  unsere
Dienstwohnung."  Delbrück  erwiderte,  gerade  diese  wolle  er  verlassen.  Am  andern  Tage
war  die  Wohnung  gemietet  und  Delbrück  hatte  seinen  Abschied  in  der  Tasche.“  Diese
Darstellung  ist  von  Anfang  bis  zu  Ende  aus  der  Luft  gegriffen.  Eine  Sprache  wie  die
mitgeteilte  führte  Bismarck  nicht  einem  Kollegen  gegenüber,  den  an  sich  zu  fesseln  sein
hauptsächlichstes  Bestreben  war;  und  außerdem  gehörte  das  Reichseisenbahnprojekt  allerdings
  in  das  Ressort  Delbrücks  bezw.  des  Reichskanzler-Amts,  woselbst  es  —  das  Reichsschatzamt
  war  damals  noch  nicht  errichtet  —  in  Gemeinschaft  mit  den  preußischen  Ressortministern
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