162 Zweiter Zeitraum.
verbündeten Heere. Obwohl Osterreicher und Preußen gemeinsam die
Weißenburger Linien eroberten, rückte der Herzog von Braunschweig
nicht vor, sondern beschränkte sich auf die Verteidigung. Bei Kaisers—
lautern zeigten sich die preußischen Truppen in einer dreitägigen Verteidigung
einem doppelt so großen Heere gegenüber noch einmal ihres alten
Ruhmes würdig, doch alles ohne Erfolg. Durch den Konvent war fast die
ganze kampffähige Mannschaft Frankreichs unter die Waffen gerufen, jeder
der Verbündeten schob dem anderen die Schuld der geringen Erfolge zu;
mißmutig legte der Herzog von Braunschweig den Oberbefehl nieder, und
Möllendorf trat an seine Stelle.
In dem neuen Feldzuge waren die Franzosen den Verbündeten an Zahl
weit überlegen; auch ihre Kriegstüchtigkeit hatte sich gehoben. Sie besiegten
die Osterreicher bei Fleurus, westlich von Namur, und der Koaiser entschloß
sich, die Niederlande aufzugeben, um sich durch Anschluß an Rußland im
Osten zu entschädigen. Preußen vermochte den Krieg nur mit englischen
Hilfsgeldern weiterzuführen. Möllendorf gewann bei Kaiserslautern im
Mai und im September 1794 glänzende Siege; aber infolge des Rückzuges
der OÖsterreicher aus den Niederlanden mußte auch er sich über den Rhein
zurückziehen. Die Engländer weigerten sich, weitere Hilfsgelder zu zahlen,
weil der preußische Oberfeldherr sich den von London ihm zugehenden Befehlen
nicht fügen wollte; König Friedrich Wilhelm wünschte sein Heer für
einen im Osten drohenden Krieg zur Hand zu haben, und da er seinem
Bundesgenossen, dem Kaiser, der ihn bei der dritten Teilung Polens so
treulos behandelt hatte (S. 163), mißtraute und nicht mit Unrecht fürchtete,
derselbe unterhandle bereits mit den Franzosen, so nahm auch er die von
Frankreich ihm dargebotene Hand an. Im Frieden zu Basel (1795) gab
Preußen das linke Rheinufer preis; in einem allgemeinen Frieden sollte über
dasselbe endgültig entschieden und Preußen für den Verlust von Mörs,
Geldern und Kleve entschädigt werden. Den norddeutschen Staaten, welche
sich diesem Frieden anschlossen, ward Neutralität gewährt. In Österreich
und Süddeutschland war man entrüstet über diesen „Verrat“ Preußens an
der deutschen Sache; das Ansehen Preußens war dahin, und der so teuer
erkaufte Friede war trotz der preußischen Siege geschlossen worden und währte
nur so lange, als es den Franzosen beliebte.
An Flächeninhalt ist Preußen unter Friedrich Wilhelm II. trotz des Verlustes
am Rhein noch gewachsen. Der kinderlose Markgraf von Ansbach
und Bairenth trat diese Länder, 116 Quadratmeilen groß, gegen ein
Jahrgeld an Preußen ab, das sie Anfang 1792 in Besitz nahm. Der in
diesem Ländchen bestehende Rote Adlerorden, der als Inschrift des Königs
Wahlspruch: Sincere ct constanter (Aufrichtig und beständig) führt, wurde
zum zweiten Hausorden des Königreichs Preußen erklärt. — Noch umfangreicher
war die Erwerbung im Osten.
Polen hatte mit Preußen ein Schutzbündnis geschlossen und eine neue
Verfassung eingeführt, durch welche die schlimmsten Übelstände abgestellt
waren. Aber Katharina II. wußte die vornehmsten Polen, die durch die
Einführung der Verfassung viel von ihrem Einfluß eingebüßt hatten, zu be-