Full text : Unser Preußen.

166  Zweiter  Zeitraum.

windliche  Abneigung  gegen  den  Krieg  ein.  Weihnachten  1793  vermählte  er
sich  mit  der  bildschönen  Prinzessin  Luise  von  Mecklenburg-Strelitz  (geb.  am
10.  März  1770).

Die  Berliner  bereiteten  der  fürstlichen  Braut  einen  festlichen  Empfang.  Als
ein  kleines  Mädchen  der  Prinzeß  Luise  unter  einem  Willkommensgruß  einen  Myrtenkranz
  überreichte,  umarmte  und  küßte  diese  das  Kind.  Entsetzt  rief  die  Oberhofmeisterin
Gräfin  Voß:  „Was  haben  Königliche  Hoheit  gethan?  Das  ist  gegen  allen  Anstand!“—
  „Wie,“  erwiderte  Luise  ganz  betroffen,  „darf  ich  denn  das  nicht  mehr  thun?“
Dies  Wort,  sowie  ihr  menschenfreundliches  Wesen  und  ihre  liebliche  Erscheinung  gewannen
  ihr  im  Fluge  die  Herzen  des  Volkes.  Der  Kronprinz  und  seine  Gemahlin
führten  ein  Leben  voll  innigster  Zuneigung,  voll  Sittenstrenge  und  ehrbarer  Zucht,
wie  es  damals  auf  Thronen  unerhört  war;  sie  wurden  dadurch  zum  Vorbild  und
Segen  für  alle  Stände.  Der  König  hatte  ihnen  das  prachtvoll  ausgestattete  Schloß
Oranienburg  geschenkt;  sie  aber  lebten  am  liebsten  in  dem  einfachen  Herrenhause  des
Landgutes  Paretz  bei  Potsdam,  fern  von  allem  Prunk  und  Hofzwange.  Als  der
König  seinen  Sohn  einst  darüber  zur  Rede  stellte,  daß  er  seine  Gemahlin  nach
Bürgerart  mit  „Du“  auredete,  erwiderte  dieser:  „Mit  dem  Du  weiß  man  doch,
woran  man  ist.  Dagegen  bei  dem  Sie  ist  immer  das  Bedenken,  ob  es  mit  einem
großen  S  oder  mit  einem  kleinen  geschrieben  wird.“  Nach  einer  Hoffestlichkeit  sagte
einst  der  Kronprinz  zu  seiner  Gemahlin:  „Gottlob,  daß  Du  nun  wieder  meine  Frau#
bist!“  In  Paretz  wollten  beide  nichts  weiter  sein  als  die  Gutsherrschaft.  Sie  ließen
sich  von  jedermann  sprechen,  besuchten  die  Leute  bei  der  Arbeit,  machten  Ausfahrten
auf  einfachem  Leiterwagen  und  mischten  sich  am  Erntefeste  wohl  unter  die  tanzenden
Paare.  Luise  hörte  es  gern,  wenn  sie  nicht  als  „Königliche  Hoheit“,  sondern  wie
die  Gemahlin  eines  einfachen  Gutsbesitzers  als  „Gnädige  Frau“  angeredet  wurde.
Ihr  eheliches  Glück  wurde  noch  erhöht  durch  die  Geburt  mehrerer  Kinder  (s.  Stammtafel
am  Schluß).  Da  der  Kronprinz  sich  von  dem  Hofe  immer  mehr  zurückzog,  entfremdete
er  sich  seinem  Vater  und  wurde  in  die  Regierungsgeschäfte  nicht  eingeführt.
Deshalb  besaß  er  beim  Anfange  seiner  Regierung  zu  wenig  Selbstvertrauen,  und
infolge  seiner  ersten,  pedantischen  Erziehung  haftete  ihm  stets  eine  gewisse  Schüchternheit
  und  Ungewandtheit  an.  Er  trat  ungern  in  die  Offentlichkeit;  selbst  seine  Sprache
war  abgebrochen  und  schwerfällig,  mit  Vorliebe  gebrauchte  er  den  Infinitiv.

Friedrich  Wilhelm  III.  war  von  der  Vorzüglichkeit  der  von  Friedrich
dem  Grosßen  hinterlassenen  Staats=  und  Heereseinrichtung  so  fest  überzeugt,
daß  er  fast  nichts  daran  änderte,  sondern  nur  einige  Mißstände  der  vorigen
Regierung  abstellte.  Durch  große  Sparsamkeit  in  allen  Zweigen  der  Verwaltung
  wurde  es  ihm  möglich,  nicht  nur  die  überkommene  Staatsschuld
nach  und  nach  abzutragen,  sondern  auch  das  unter  seinem  Vater  wieder  eingeführte,
  verhaßte  Tabaksmonopol  abermals  abzuschaffen.  Bei  seiner  aufrichtigen
Frömmigkeit  war  ihm  alle  Heuchelei  und  jeder  Gewissenszwang  verhaßt.  An
Wöllner  schrieb  er:  „Ich  selber  verehre  die  Religion  und  möchte  nicht  über
ein  Volk  herrschen,  das  keine  Religion  hätte;  aber  ich  weiß  auch,  daß  sie
Sache  des  Herzens,  des  Gefühls  und  der  eigenen  Uberzeugung  sein  muß.
Früher  ist  kein  Religionsedikt  im  Lande  gewesen,  aber  gewiß  mehr  Religion
und  weniger  Heuchelei.“  Als  der  Minister  nicht  freiwillig  ging,  wurde  er
entlassen,  und  das  Religionsedikt  aufgehoben.  Am  wenigsten  wurde  in  der
äußeren  Politik  und  im  Heerwesen  geändert.  Jene  leitete  noch  immer  der
unfähige  Haugwitz.  Durchgreifende  Anderungen  im  Heere  unterblieben  schon
aus  Sparsamkeitsrücksichten.  Der  schon  zu  Friedrichs  Zeit  knappe  Sold  war
jetzt  ganz  ungenügend;  die  Uniformen  waren  zu  eng  und  von  schlechtem
Tuch,  weil  sich  betrügerische  Lieferanten  daran  bereicherten,  und  die  alten