174 Zweiter Zeitraum.
teidigung aufforderte, mit den Worten an: „Herr, Sie wissen nicht, was dem
Könige ein Schuß kostet!“ und der Kommandant von Schweidnitz sah selber
der Schleifung der ohne Schwertstreich überlieferten uneinnehmbaren Festungswerke
zu. Napoleon nahm dem tödlich verwundeten Herzog von Braunschweig
sein Land und gestattete ihm nicht einmal, ruhig in seiner Hauptstadt zu
sterben; ebenso nötigte er den Kurfürsten von Hessen zur Flucht, der sich zwar
mit Preußen nicht verbündet, aber seine Truppen im Rücken der Franzosen
kriegsbereit gehalten hatte. Der Kurfürst von Sachsen dagegen erhielt die
Königswürde, trat dem Rheinbunde bei und stellte sofort ein Heer für Napoleon.
4. Der Aeldzug von 1807; Frirde.
Friedrich Wilhelm hatte gleich nach dem Unglückstage von Jena mit
Napoleon Verhandlungen angeknüpft, aber bei dessen maßlosen Forderungen
bald wieder abgebrochen. Da traf ihn neues Unglück: die Polen erhoben
sich in der Hoffnung, beim Zerfall Preußens ihre Selbständigkeit wiederzu—
erlangen, und wurden von Napoleon, der sein Hauptquartier nach Posen verlegte,
dabei ermuntert und unterstützt. Das bewog Kaiser Alexander, der
gleich auf die erste Nachricht von dem Unglück Preußens dem Könige Hilfe
versprochen hatte, sein Heer in Ostpreußen einrücken zu lassen. Doch schien
es kaum eine andere Aufgabe zu haben, als die russische Grenze zu schützen,
und drückte das befreundete Land mehr als die Franzosen. In Preußen
begann aber schon damals ein neuer Geist zu erwachen. Der König entließ
Haugwitz und verhängte über das Heer eine ernste Züchtigung; die feigen
Festungskommandanten wurden entlassen, der von Küstrin mit dem Tode bestraft.
Je länger die Einquartierung währte, je höher die Kriegssteuer wurde,
je mehr Handel und Verkehr stockten und die Armut wuchs, desto mehr gingen
selbst dem gewöhnlichen Manne die Augen auf und wuchs der Grimm gegen
die Unterdrücker. Mit Spannung lauschten alle auf die Nachrichten vom Kriegsschauplatze.
Das kleine preußische Heer, kaum 6000 Mann stark, stand unter
dem General Lestocq, dem General Scharnhorst beigegeben war, an der
Weichsel, mußte sich aber vor dem überlegenen französischen Heere weiter nach
Osten zurückziehen. Die königliche Familie fühlte sich in Königsberg nicht
mehr sicher und flüchtete nach Memel. Als der Leibarzt Dr. Hufeland
der am Typhus erkrankten Königin vorstellte, welche schlimmen Folgen die
Reise für sie haben könne, erwiderte sie: „Ich will lieber in die Hände Gottes
als dieses Menschen fallen.“" Bei Sturm und Schneegestöber wurde sie Anfang
Januar 1807 über die Kurische Nehrung gefahren. In der ersten Nacht
wehte ihr der Schnee durch die zerbrochenen Fensterscheiben aufs Bett; dennoch
besserte sich ihr Befinden auf der Reise. In jenen trüben Tagen schrieb die
Königin in ihr Tagebuch das Goethesche Wort:
Wer nie sein Brot mit Thränen aß,.
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Napoleon rückte von Polen her gegen die Russen vor, und es kam am
7. und 8. Februar 1807 bei Preußisch-Eylau, südlich von Königsberg, zu