Full text : Unser Preußen.

176  Zweiter  Zeitraum.

einer  blutigen  Schlacht;  am  zweiten  Tage  griff  auch  das  preußische  Heer  mit
in  den  Kampf  ein  und  drang  siegreich  vor,  aber  am  Abend  befahl  der  russische
Befehlshaber  von  Bennigsen  den  Rückzug.  So  war  der  Sieg  zwar  nicht
errungen,  aber  auch  Napoleons  Hoffnung,  Russen  und  Preußen  mit  einem
Schlage  zu  vernichten,  nicht  in  Erfüllung  gegangen.  Er  stutzte;  wollte  das
Schlachtenglück  ihm  ungetreu  werden?  Unter  dem  Eindruck  dieses  ersten  Miß—
erfolges  bot  er  König  Friedrich  Wilhelm  die  Hand  zum  Frieden:  er  wollte
ihm  alle  Länder  westlich  von  der  Elbe  zurückgeben.  Aber  der  König  merkte  die
ihm  von  dem  Arglistigen  gelegte  Schlinge,  der  ihn  zuerst  von  seinem  Bundes-ü
genossen  trennen  wollte,  um  ihn  später  zu  zermalmen,  und  wankte  keinen
Augenblick.  Er  wurde  zum  Ausharren  ermutigt  durch  die  Nachrichten  von
der  ruhmvollen  Verteidigung  einzelner  Festungen.  Danzig  hielt  sich  bis
Mai,  Neiße  und  Kosel  bis  zum  Juni,
Graudenz,  Kolberg,  Glatz  und
Silberberg  blieben  unbezwungen.  Als
die  Franzosen  den  greisen  Courbieêre
aufforderten,  Grandenz  zu  übergeben,
weil  es  keinen  König  von  Preußen
mehr  gebe,  antwortete  er  gelassen:
„Dann  giebt  es  doch  noch  einen  König
von  Grandenz“,  und  die  Festung  hielt
sich.  Am  hellsten  leuchtete  Kolbergs
Ruhm.  Die  Bürgerschaft,  an  ihrer
Spitze  der  fast  70  jährige  Nettelbeck,
ein  alter  Seemann,  griff  selber  zu  den
Waffen  und  erhielt  in  Gneisenau  einen
Führer  von  schöpferischer  Thatkraft;
Rittmeister  von  Schill,  der  dort
Genesung  von  Wunden  suchte,  brachte

Schill.  mit  seinen  Husaren  den  Belagerern

«  «  manchen  Verlust  bei.  So  hielt  sich
Kolberg.  Scharnhorst  übte  das  kleine  prenßische  Heer  in  der  neuen  Kampfesweise;
  dagegen  konnte  der  König  sich  noch  nicht  entschließen,  die  Kabincttsregierung
  abzuschaffen,  und  als  Stein  darauf  drang,  ward  er  in  Ungnaden
entlassen.

Von  beiden  Seiten  ward  für  den  neuen  Feldzug  eifrig  gerüstet;  Napoleon
ließ  sogar  die  dienstpflichtige  Mannschaft  des  folgenden  Jahrganges  schon  jetzt.
ausheben.  Friedrich  Wilhelm  schloß  mit  England  Frieden  und  verzichtete  aufalle
  Ansprüche  auf  Hannover.  Kaiser  Alexander  kam  im  Frühjahr  1807
selber  nach  Preußen;  bei  einer  Heerschan  umarmte  er  den  König  und  rief
unter  Thränen:  „Nicht  wahr,  keiner  von  uns  beiden  fällt  allein?  Entweder
beide  zusammen  oder  keiner!“  Zu  Bartenstein  a.  d.  Alle  schlossen  beide
(26.  April)  einen  neuen  Vertrag,  deren  Ziel  war:  Wiederherstellung  der
früheren  Ordnung  Europas,  gemeinsame  Verwaltung  Deutschlands  durch
Österreich  und  Preußen.  Auf  den  Beitritt  Englands,  Schwedens  und  Osterreichs
  rechnete  man.  Doch  sollte  auch  dieser  mit  so  großen  Hoffnungen