Full text : Unser Preußen.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  193

bereitung  zu  einer  Demütigung  des  Zaren  mit  Unterstützung  ÖOsterreichs.  War
Nußland  unterworfen,  so  konnte  er  den  Engländern  alle  Küsten  des  Festlandes
  verschließen,  und  von  Moskau  aus  bot  der  Weg  nach  Indien  keine
unübersteigbaren  Schwierigkeiten  mehr.

Der  Zar  hatte  den  mit  Napoleon  geschlossenen  Bundesvertrag  längst
bereut.  Mit  Besorgnis  betrachtete  er  das  Wachsen  Polens  und  Frankreichs;
er  fühlte  sich  dadurch  verletzt,  daß  der  Großherzog  von  Oldenburg,  sein  naher
Verwandter,  bei  der  Einverleibung  der  Nordseeküste  seines  Erblandes  beraubt
war.  Napoleon  grollte  Alexander,  weil  er  kurz  vor  der  Verlobung  mit  der
Habsburgerin  ohne  Erfolg  um  eine  russische  Prinzessin  geworben  hatte;  als
nun  auf  sein  Ansinnen,  Rußland  möge  die  Festlandssperre  strenger  durchführen,
eine  russische  Verordnung  erschien,  nach  welcher  gerade  die  Einfuhr  französischer
Erzeugnisse  erschwert  wurde,  rüstete  er  eifrig  zum  Kriege.  Im  Großherzogtum
Warschau  hatte  er  bereits  ungeheure  Waffenvorräte  aufgehäuft,  die  Besatzungen
in  Danzig  und  den  Oderfestungen  wurden  verdoppelt;  die  Rheinbundfürsten
erhielten  Befehl,  ihre  Truppen  marschbereit  zu  halten.  Kaiser  Alexander  sah
sich  nach  Bundesgenossen  um;  aber  England  konnte  ihm  wenig  helfen;  Österreich
zürnte  noch  wegen  des  lehten  Krieges,  hoffte  auch,  durch  engen  Anschluß  an
Frankreich  im  Osten  wiederzugewinnen,  was  es  im  Westen  verloren  hatte,
und  verpflichtete  sich  sogar,  in  dem  bevorstehenden  Kriege  Napoleon  ein  Heer
von  30000  Mann  unter  eigenem  Führer  zu  Hilfe  zu  schicken.

Preußen  befand  sich  in  einer  furchtbaren  Lage.  Es  konnte  schon  deshalb
  nicht  teilnahmlos  bleiben,  weil  Napoleon  seinen  Heereszug  durch  Preußen
führen  mußte.  Die  Freundschaft  mit  dem  Zaren,  der  Haß  gegen  den  Unterdrücker
  drängten  den  König,  sich  Rußland  anzuschließen;  aber  wenn  Rußland
besiegt  wurde,  oder  der  Zar  Frieden  schloß  und  —  wie  in  Tilsit  —  Preußen
preisgab,  so  war  dieses  verloren.  Sollten  aber  die  Preußen  gegen  Rußland
kämpfen  als  Bundesgenossen  des  Mannes,  der  längst  beschlossen  hatte,  ihren
Staat  gänzlich  von  der  Karte  zu  tilgen?  Kaiser  Alexander  erklärte,  er  könne
eine  Überflutung  Preußens  durch  die  Franzosen  nicht  verhindern  und  wolle
den  Feind  im  eigenen  Lande  erwarten  auch  von  Österreich  und  von  England
war  keine  Hilfe  zu  erlangen.  In  dieser  Not  rieten  Scharnhorst,  Gneisenau,
selbst  Hardenberg  zu  einer  allgemeinen  Volkserhebung,  deren  Stützpunkt  das
feste  Lager  bei  Kolberg  bilden  sollte,  wo  Blücher  befehligte.  Auch  der  K  König
war  zum  Außersten  eIntschlossen,  schon  waren  in  der  Stille  die  Reserven  einberufen;
  aber  er  hielt  einen  Kampf  ohne  Bundesgenossen  für  aussichtslos.
Konnte  doch  Napoleon  das  kleine  preußische  Heer  sofort  bei  Beginn  des  Krieges
mit  einer  siebenfachen  Übermacht,  die  teils  im  Lande,  teils  an  den  Grenzen
stand,  überfallen.  Noch  einmal  eilte  Scharnhorst  nach  Petersburg  und  Wien,
um  Rußland  zum  Vormarsch  nach  Preußen  und  Österreich  zum  Kriege  gegen
Frankreich  zu  bewegen;  alles  vergeblich.  Nun  blieb  dem  Könige  nichts  weiter
übrig,  als  mit  Napoleon  ein  Bündnis  zu  schließen.  Dieser  hielt  es  für  vorteilhaft,
  sich  vorläufig  mit  der  friedlichen  Unterwerfung  Preußens  zu  begnügen,
und  legte  einen  Vertrag  vor,  den  Friedrich  Wilhelm  notgedrungen  unterschreiben
  mußte.

Preußen  stellte  ein  Hilfskorps  von  20000  Mann;  das  ganze  Land  außer

Hoffmeyer,  Unser  Preusen.  13