Full text : Unser Preußen.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  203

nachschicken.“  Eine  Soldatenwitwe  sandte  ein  Paar  wollene  Socken  „als  ihr
letztes  bißchen  Armut“,  ein  Invalide  seinen  einzigen  Besitz:  seine  goldene
Medaille.  Wie  sonst  für  wohlthätige  Zwecke,  so  wurde  jetzt  für  das  Vaterland
  öffentlich  gesammelt;  da  es  an  Geld  fehlte,  gaben  viele  ihr  Silber=  und
Goldgerät.  Ehelente  opferten  ihre  goldenen  Trauringe  und  erhielten  dafür
eiserne  mit  der  Inschrift:  „Gold  gab  ich  für  Eisen“;  manches  Mädchen,  wie
Ferdinande  von  Schmettau  aus  Breslau,  brachte  ihren  Haarschmuck  als  Gabe
dar,  und  arme  Arbeiter  ihren  ganzen
Verdienst  von  vielen  Wochen.  Die
edle  Prinzeß  Wilhelm  von  Preußen,
Marianne  von  Hessen-Homburgstellte
sich  mit  anderen  Prinzessinnen  an  die
Spitze  der  Frauenvereinec,  die  sich  zur
Unterstützung  der  Kämpfenden  und
zur  Pflege  der  Verwundeten  bildeten.
Auch  ein  neues  sittliches  und  religiöses
Leben  erwachte  in  jenen  Tagen.  Voll
Vertrauen  blickte  man  wieder  zu  dem
alten  Gott  empor.  „Mit  Gott  für
König  und  Vaterland“,  so  lautete  die
Inschrift  des  Eisernen  Krenzes  und
der  Wahlspruch  der  Landwehr.  Vom
Sammelplatze  zogen  die  Wehrmänner  -·--zur
  Einsegnung  in  die  Kirche;  ganze  Theodor  Körner.
Regimenter  nahmen  vor  ihrem  Auszuge
  das  heilige  Abendmahl.  Denn  es  war  „ein  Krenzzug“",  war  „ein
heil'ger  Krieg!“  «
Ernst  Moritz  Arndt,  der  mit  Stein  zurückgekehrt  war,  rief  mahnend:

Der  Gott,  der  Eisen  wachsen  ließ,  der  wollte  keine  Knechte,

Drum  gab  er  Säbel,  Schwert  und  Spieß  dem  Mann  in  seine  Rechte,

Drum  gab  er  ihm  den  kühnen  Mut,  den  Zorn  der  freien  Rede,

Daß  er  bestände  bis  aufs  Blut,  bis  in  den  Tod  die  Fehde.

Max  von  Schenkendorf,  der  trotz  seiner  gelähmten  Rechten  mit  ins  Feld

zog,  legte  im  Namen  des  Landsturms  das  Gelübde  ab:

Nun  gilt  es  um  das  Leben,  es  gilt  ums  höchste  Gut;
Wir  setzen  dran,  wir  geben  mit  Freuden  unser  Blut.

Den  Franzosen  aber  rief  er  drohend  zu:

Hie  Wagen  Gottes,  Gottes  Streiter,
Hie  Schwert  des  Herrn  und  Gideon!

 

40  n  —WL.,.„  4
«  -«-.·.-ss
2*  .  AMAM  “  "*.  7*“%  *.

Leider  beschränkte  sich  die  Begeisterung  fast  nur  auf  Preußen.  Im
rheinländischen  Deutschland,  dessen  Söhne  zu  Napoleons  Ehren  auf  allen
Schlachtfeldern  Europas  geblutet  hatten,  verstand  man  die  Stimme  des
Bruderstammes  nicht.  Nur  wenige  fühlten  sich  so  deutsch  wie  der  jugendliche
Dichter  Theodor  Körner;  er  verließ  seine  Braut  und  seine  glänzende
Stellung  in  Wien,  eilte  nach  Schlesien  und  trat  in  das  Lützowsche  Frei-