6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 205
Ankunft Napoleons einen großen Teil Westdeutschlands zu besetzen und das
Heer Eugens zu schlagen; aber das russische Hauptheer hielt sich zu lange in
Polen auf, erst Ende April zogen die beiden verbündeten Monarchen mit
dem russischen Hauptheere in Dresden ein, das Blücher schon einen Monat
zuvor erobert hatte. König Friedrich August war entflohen, um sich ihnen
nicht anschließen zu müssen.
Sobald die Heere der Verbündeten sich vereinigt hatten, wurden sie unter
den Oberbefehl des russischen Generals Wittgenstein gestellt. Zwar waren
sie an Zahl dem französischen nicht gewachsen, übertrafen dasselbe aber an
Kanonen und Reiterei; deshalb riet Scharnhorst, den Kampf in der großen
Leipziger Ebene anzunehmen. Wittgenstein aber beschloß, dem nach Leipzig
marschierenden Feinde in der von Hecken und Gräben zerschnittenen sumpfigen
Ebene von Lützen in die rechte Flanke zu fallen. Am 2. Mai begann der Angriff
der Preußen auf Großgörschen und drei andere Dörfer, die von Ney
besetzt waren. Noch nie waren die Franzosen einer solchen kriegerischen Begeisterung
begegnet wie hier; auch die jungen Freiwilligen, welche zum erstenmal
ins Feuer kamen, kämpften mit demselben zornigen Mute wie die geschulten
Krieger. Wären jetzt die russischen Reserven zur Stelle gewesen, so wäre der
Sieg errungen worden; doch die blieben aus, ja selbst die Reiterei der Verbündeten
gelangte nicht einmal zum entscheidenden Eingreifen. Scharnhorst
führte selber mit gezogenem Degen die Truppen zum Sturm, bis ihn ein
Granatsplitter verwundete, so daß er das Schlachtfeld verlassen mußte. Als
die Nacht kam, behaupteten die Preußen nur noch Großgörschen. Vergebens
machte Blücher im Dunkeln noch einen letzten verzweifelten Reiterangriff. Am
nächsten Morgen erwarteten die Preußen bestimmt die Wiederaufnahme des
Kampfes; aber Napoleon hatte während der Nacht seine Übermacht noch mehr
verstärkt, deshalb zogen die Verbündeten sich nach der Elbe zurück, die preußischen
Truppen in dem Bewußtsein, daß sie die Ehre ihrer Fahnen wiederhergestellt
hatten.
Die Schlacht von Großgörschen kostete den Verbündeten über 10000
Mann, das schmerzlichste Opfer derselben war Scharnhorst. Er wollte seine
leichte Wunde nicht ruhig heilen lassen, sondern beschloß trotz der Warnungen der
Arzte, nach Wien zu gehen, um Osterreich zum Anschluß an die Verbündeten
zu bewegen; aber in Prag ereilte ihn der Tod. Für Napoleon hatte der
unentschiedene. Kampf die Folgen eines Sieges: von den Rheinbundsstaaten
dachte nun keiner mehr an einen Abfall, Napoleon zog in Dresden ein und
zwang durch eine Drohung den König, zurückzukehren und sich ihm anzuschließen.
Dadurch vergrößerte sich die Ubermacht Napoleons noch mehr.
Die Verbündeten gingen hinter die Elbe zurück; bei Bautzen kam es am 20.
und 21. Mai abermals zu einem blutigen Ringen. Mit äußerster Hartnäckigkeit
stritten 80000 Verbündete gegen 170000 Feinde; dennoch verloren sie
keine Fahne, keine Kanone und konnten sich geordnet nach Schlesien zurückziehen.
Napoleon hatte mehr verloren als seine Gegner, in einem Reitergefecht
bei Hainau brachte Blücher ihm abermals empfindliche Verluste bei;
dazu fehlte es ihm noch an Reiterei und Geschütz, er bot daher selber einen
Waffenstillstand an. Auch den Verbündeten war Zeit zur besseren Aus-