30 Ole allgemeinen Kriegevorbereltungen unserer Felnde.
seinen Urlaub in Karlebad ab und reiste über Berlin und Rußland nach
Serbien. Während des Aufenthalte in Berlin hatte er eine Unterredung
mit dem französischen Botschafter, dessen vollkommene Gelassenheit bei
der Mitteilung, daß die französischen Militärs des guten Sieges sicher
seien und die englische Flotte binnen drei Wochen in den Hafen von
Hamburg eindringen werde, ihm die Gewißheit gab, daß der Krieg,
falls nicht schon früber, gewiß anläßlich der Begegnung Poincarée
mit dem russischen Kaiser in Petereburg beschlossen worden sei. Ale er
am 27. Juli abends von Berlin zur russischen Grenze fuhr, bemerkte er
auf deutscher Seite noch nicht die geringsten Kriegsvorbereitungen, sofort
nach Uberschreitung der russischen Grenze aber Mobilisationsmaßnahmen
im großen Stil. In Brest war am 28. Juli schon der Belagerungszustand
verkündigt, in Kischinew am 29. Juli die allgemeine Mobilisierungsorder
öffentlich angeschlagen. Hätte Grep nicht die dem französischen Botschafter
in Berlin schon am 26. Juli bekannte Erklärung abgegeben, daß
England an einem deutsch-österreichischen Kriege mit Rußland nicht
uninteressiert sein würde, dann wäre es, wie Boghitschewitsch bezeugt,
„sicher nicht zum europäischen Kriege gekommen“.
Ein Zufall wollte es, daß gerade zehn Tage vor der Bluttat von
Serajewo der „Tag“ einen Aufsatz veröffentlichte, in dem ich darlegte,
in wie große finanzielle Schwierigkeiten Frankreich durch seine
eigenen Kriegsrüstungen und namentlich auch durch die französischerseite in
Rußland betriebenen zu geraten drohte, woraus gefolgert werden müßte,
daß entweder in sehr absehbarer Zeit eine politische Entspannung eintreten
müßte, oder aber Frankreich und Rußland sich zu beschleunigtem
Losschlagen veranlaßt sehen würden. Damals konnte man noch das
erstere hoffen, zehn Tage später begann das letztere zu schnell steigender
Gewißheit zu werden.
„Der Sturz des Stundenministerlums Ribot kennzeschnete grell die Schwierigkeiten,
in die Frankreich sich begeben hat, indem es sich an grundlegender Umgestaltung
der russisch-französischen Politik nach den Rezepten des französischen Generalstabe und des
Herrn Delcasse übernahm. Die wlchtigsten Erscheinungen, nicht nur der französischen,
sondern auch der russischen Politik, werden zur Zeit gekennzeichnet eben durch dieses neue
Programm und alle Folgeerscheinungen der Bemühungen um seine Durchführung.
Das Heil der Zukunft sollte plötzlich darin gefunden werden, daß Rußland und
Frankrelch glelchzeltig und gleichmäßig zur Offensive gegen Deutschland
bereit werden. Das war das Zlel, das der französische Generalstab gesteckt, und für das
Derr Delcassé seinerzelt in Petersburg gewlekt hat — ein Zlel, das zu errelchen mit
ungeheuren Milliardenopfern verknüpft seln mußte.
Man begann von Frankreich aue eindringlich zu lehren, daß dem russischen Bündnie
für Frankreich kein Wert innewohnt, wenn Rußland nicht vom ersten Kanonenschuß
an große deutsche Streltkräfte zu binden vermöchte, wenn es sich olelmehr auf eine wochenlange
Mobilmachung eingerichtet bielte und den deutschen Heeren gestattete, zunächst