6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 221
Die deutschen Truppen kehrten zu ihrer friedlichen Beschäftigung zurück. Recht
wie aus der Seele gesprochen war ihnen Schenkendorfs „Frühlingsgruß an das
Vaterland", in welchem es heißt: „Vaterland, in tausend Jahren kam dir solch ein
Frühling kaum!“ In England war der alte Blücher der Held des Tages. Das Volk
spannte ihm die Pferde aus und zog selber seinen Wagen; Reiche und Vornehme
bestachen seine Dienerschaft, um ihm als Diener aufwarten zu dürfen. Als die Universität
Oxford ihm die Doktorwürde verlieh, meinte er: „Wenn ihr mich zum Doktor
macht, müßt ihr Gneisenau mindestens zu meinem Apotheker machen, denn er hat mir
die Pillen gedreht.“ Auch in Deutschland wurde der Held auf den Händen getragen;
fast in jeder Stadt, wo er sich sehen ließ, mußte er zum Volke reden. Groß war
überall der Jubel beim Einzuge der Truppen. In Berlin ließ sich das Volk nicht
halten. „Die Bataillone brachen auseinander, die Frauen stürzten den Gatten in
die Arme, die Jungen trugen den Vätern die Flinten, und so wogte der lange Zug
dahin, die Wehrmänner ganz mit Kränzen überdeckt, Soldaten und Bürger, Männer
und Frauen in krausem Durcheinander — recht eigentlich ein Volk in Waffen.“
(H. v. Treitschke.) An demselben Tage (7. August) wurde auch die Viktoria auf dem
Brandenburger Thore wieder enthüllt: sie trug auf ihrem Stabe das Eiserne Kreuz.
Überall feierte man Friedensfeste; die meisten ahnten nicht, daß um den Frieden
abermals viel Blut vergossen werden mußte. «
8.DerBefreittngxkliriegvon1815.
Im Herbst 1814 reisten die Fürsten mit ihren Staatsmännern und
Feldherren nach Wien, um auf dem Wiener Kongreß die Staatsverhältnisse
Europas neu zu ordnen. Preußen war durch den Staatskanzler von Harden—
berg und Wilhelm von Humboldt vertreten; auch Stein war zugegen. Hier
trat die Uneinigkeit und Eifersucht, die schon die Unternehmungen des Feld—
zuges so oft gelähmt hatten, noch nackter zu Tage, als es sich um den neuen
Besitzstand der einzelnen Staaten handelte. Napoleon beobachtete gespannt
die zunehmende Entzweiung seiner bisherigen Gegner; noch mehr wuchs seine
Hoffnung auf eine baldige Wendung seines Schicksals, als er vernahm, daß
Ludwig XVIII. sich in kurzer Zeit bei den Franzosen sehr unbeliebt gemacht
habe, und daß die aus den deutschen Festungen oder aus der Gefangenschaft
zurückgekehrten alten Krieger offen ihren gestürzten Kaiser zurückwünschten.
Deshalb verließ er plötzlich Elba und landete, von den englischen und französischen
Krenzern nicht bemerkt, am 1. März 1815 an der französischen
Küste. Durch unwahre Versprechungen suchte er das Volk zu gewinnen, und
das Heer fiel ihm auch sofort zu; Marschall Ney, den der König gegen ihn
gesandt hatte, ging mit seinem Heere zu ihm über. Ludwig floh, und Napoleon
zog wieder in Paris ein. Aber umsonst beteuerte er, seine Absicht sei nicht,
zu erobern, er wolle vielmehr Frankreich in Frieden regieren: niemand glaubte
ihm, schleunigst rüsteten sich die Truppen zu neuem Kampfe. Jubelnd rief
Blücher: „Das ist das größte Glück für uns, nun kann die Armee wieder
gut machen, was die Diplomaten verdorben haben.“ Aufs neue ging ein
Sturm der Begeisterung durchs Land; von allen Seiten strömten die Freiwilligen
zu ihren Fahnen. Blücher übernahm wieder die Führung des
preußischen Heeres. „Hei, wie der weiße Jüngling in den Sattel sich schwang!“
Zuerst erschienen die Engländer auf dem Kampfplatze; sie ließen von
Antwerpen aus ein Heer unter Wellington gegen die französische Grenze
marschieren. Auch Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig (S. 188)