Full text : Unser Preußen.

230  Zweiter  Zeitraum.

machte  in  dieser  Zeit  große  Fortschritte.  Noch  gegen  Ende  des  18.  Jahr—
hunderts  waren  die  Straßen  vieler  Städte  nachts  dunkel,  andere  wurden
durch  Ollampen  spärlich  erleuchtet.  Das  in  England  erfundene  Gaslicht
wurde  seit  1826  auch  bei  uns  zur  Beleuchtung  der  Fabriken,  bald  auch  der
Straßen  und  Wohnräume  verwandt.

Die  Landleute  gewannen  durch  die  Verbesserung  der  Verkehrsmittel
für  ihre  Erzeugnisse  größeres  Absatzgebiet;  da  die  Bauern  persönlich  frei  und
Eigentümer  ihres  Bodens  waren,  arbeiteten  sie  mit  größerer  Lust.  Dieser
Segen  der  Steinschen  Reform  wurde  (1820)  durch  ein  Edikt,  betreffend  die
Ablösung  der  bäuerlichen  Lasten,  auch  den  preußischen  Bauern  zwischen  Elbe
und  Rhein  zu  teil,  und  im  folgenden  Jahre  wurde  allen  Gemeinden  des  ganzen
Staates  gestattet,  ihre  Gemeindeländereien  zu  teilen,  ihre  Ländereien
zusammenzulegen  (zu  verkoppeln)  und  den  Flurzwang  aufzuheben.  Anfangs
sträubten  sich  die  Bauern  gegen  diese  wohlthätige  Maßregel,  aber  bald  sahen
sie  den  großen  Nutzen  derselben  ein.  Manche  Bauern  steigerten  den  Ertrag
ihrer  Ernte  bald  auf  das  Doppelte  und  Dreifache,  besonders  seitdem  ihnen
Thaer  und  Liebig  gezeigt  hatten,  wie  man  durch  Anwendung  der  Natur—
wissenschaft  auf  die  Landwirtschaft,  vor  allem  durch  geeigneten  Fruchtwechsel,
dem  Lande  größere  Erträge  abgewinnen  könne.  Thaer,  anfänglich  Arzt  in
seiner  Vaterstadt  Celle,  errichtete  in  Möglin  bei  Neustadt-Eberswalde  die  erste
Vandwirtschaftliche  Lehranstalt  (1806).

In  Paris  hatten  König  Friedrich  Wilhelm,  Zar  Alexander  und
Kaiser  Franz  (1815)  die  heilige  Allianz  geschlossen,  durch  welche  sie
sich  verpflichteten,  ihre  Unterthanen  nach  den  Vorschriften  der  christlichen
Religion  zu  regieren;  später  traten  die  meisten  europäischen  Staaten  diesem
Bunde  bei  und  durften  sich  vieler  Jahre  des  Friedens  erfreuen.  Der
Deutsche  Bund  zeigte  sich  je  länger  desto  mehr  als  verfehlt.  Da  die  ge—
meinsame  diplomatische  Vertretung  und  der  einheitliche  militärische  Oberbefehl
mangelte,  so  war  er  nach  außen  ebenso  schwerfällig  und  ohne  Ansehen  wie  das
alte  Deutsche  Reich;  aber  auch  nach  innen  wurde  seine  Wirksamkeit  dadurch
abgeschwächt,  daß  zu  den  wichtigen  Beschlüssen,  z.  B.  über  Verfassungsänderung,
Einstimmigkeit  erforderlich  war,  und  daß  den  größeren  Staaten  nicht  ein
ihrer  Macht  entsprechendes  Stimmrecht  eingeräumt  wurde.  Jeder,  auch  der
kleinste  Staat  hatte  wenigstens  eine  Stimme,  sterreich  und  die  fünf  König—
reiche  hatten  je  vier  Stimmen,  Sachsen  also  soviel  wie  Preußen;  ja  es
konnte  der  Fall  eintreten,  daß  Preußen  von  solchen  Staaten  überstimmt
wurde,  die  zusammen  nicht  so  viele  Einwohner  hatten  wie  ein  preußischer
Regierungsbezirk.  Noch  unhaltbarer  wurde  der  Bund  dadurch,  daß  beide
deutsche  Großmächte  zu  demselben  gehörten:  sobald  Preußen  sich  Osterreich
nicht  mehr  willig  unterordnete,  mußte  es  zum  Bruch  kommen.

Auch  die  Hoffnung  des  Volkes  auf  Einführung  einer  ständischen  Verfassung
  in  den  einzelnen  Bundesstaaten,  die  ihm  in  der  Wiener  Bundesakte
versprochen  war,  erfüllte  sich  nur  zum  Teil.  Friedrich  Wilhelm  III.  hatte
im  Mai  1815  seinem  Volke  ebenfalls  eine  Versammlung  von  Landesrepräsentanten
  versprochen,  und  Stein,  Hardenberg,  Blücher,  Schleiermacher,  Arndt,
die  verdientesten  Männer,  freuten  sich  dessen;  aber  die  Gegner  solcher  Neuerung,