6. Preußens Fall und Wiederaufrichtung unter Friedrich Wilhelm III. 231
die Beamten, welche sich ihre unbeschränkte Herrschaft, die Adligen, welche sich
ihre Vorrechte nicht nehmen lassen wollten, suchten den König davon zurückzuhalten.
Ja es wurden von ihnen die besten Vaterlandsfreunde, königstreue
Männer, ohne Grund revolutionärer Umtriebe bezichtigt. Der König
hatte außerdem noch das Bedenken, ob die Abgeordneten der neuen Provinzen,
die sich doch nur widerwillig dem preußischen Staate hatten einfügen lassen,
wohl für das Beste desselben wirken würden. Als die beiden Großmächte
und andere deutsche Fürsten mit der Einberufung der Volksvertreter zögerten,
wuchs die Unzufriedenheit, besonders unter der studierenden Jugend; sie hoffte
erreichen zu können, was den Staatsmännern unmöglich gewesen war. Zunächst
in Jena, dann auch an anderen Universitäten traten die Studenten zu
einer deutschen Burschenschaft zusammen, und am 18. Oktober 1817 erschienen
ihrer sechshundert auf der Wartburg, um dort den Jahrestag der
Schlacht bei Leipzig, in der viele von ihnen mitgekämpft hatten, und das
Jubelfest der Reformation zu feiern. Man hielt patriotische Reden, sang
Freiheitslieder und pflanzte die schwarzrotgoldene Fahne der Lützower auf.
Am Abend zündeten einige ein Feuer an und verbrannten in Erinnerung an
Luthers Verbrennung der Bannbulle mehrere Sinnbilder des Rückschritts
— einen Korporalstock, einen Ulanenschnürleib und einen Haarzopf — sowie
altes Papier als Sinnbild einiger verhaßter Schriften. Feinde der Volksfreiheit
benutzten dies, die Fürsten noch weiter gegen jene einzunehmen; als
nun 1819 der schwärmerische Student Sand den für einen russischen Spion
gehaltenen Dichter Kotzebne ermordete, wurde es Metternich leicht, die Fürsten
zu einer ausgedehnten Demagogenverfolgung zu bewegen. Die Turnplätze
Preußens wurden geschlossen, Jahn als Gefangener nach Küstrin gebracht,
Schleiermacher auf Ehrenwort verpflichtet, Berlin nicht zu verlassen, Arndt
seines Amtes als Professor in Bonn enthoben. Durch die von Österreich
und Preußen in Gemeinschaft mit anderen deutschen Regierungen 1819 gefaßten
Karlsbader Beschlüsse wurden die Burschenschaften und die Preßfreiheit
aufgehoben, die Überwachung der Professoren und Studenten sowie
die Censur für alle Schriften unter zwanzig Bogen angeordnet und eine
Kommission eingesetzt, welche die demagogischen Umtriebe verfolgen sollte. Nun
begann eine Zeit oft recht kleinlicher Verfolgungen; aber nach zwei Jahren
erklärte die Untersuchungskommission, eine Verschwörung bestehe nicht. Doch
war Friedrich Wilhelm zu der Überzeugung gekommen, daß eine eigentliche
Volksvertretung noch nicht ratsam sei; um aber sein Wort soweit als möglich
einzulösen, führte er 1823 Provinzialstände ein. Gewöhnlich jedes dritte
Jahr sollten die lediglich aus Grundbesitzern gewählten Abgeordneten, zur
Hälfte Rittergutsbesitzer, zur Hälfte Städter und Bauern, zu einem Provinziallandtage
zusammentreten und Gesetzentwürfe, welche ihre Provinz angingen,
begutachten. Das war der erste Schritt, Preußen in einen Verfassungsstaat
umzuwandelnz; er befriedigte aber nur wenige.
Als 1830 die Franzosen durch die Julirevolution ihren König
Karl X., einen Bruder Ludwigs XVIII., vertrieben und dessen Vetter Louis
Philipp, Herzog von Orleans, auf den Thron erhoben, traten auch die Unzufriedenen
in Deutschland mit ihren Forderungen wieder hervor; in Braun-